Es gibt kein Happyend

25. November 2001, 20:14
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Die unheilvolle Entwicklung in Afghanistan begann schon 1973 - Korrespondenten legen ihre Tagebücher offen

Bis vor kurzem war Afghanistan für viele ein weißer Fleck auf der Landkarte, auch für manche Berichterstatter,die nun aus Kabul Geschichten von der guten alten Zeit vor dem Taliban-Regime mitbringen. Doch die unheilvolle Entwicklung in dem abgelegenen Gebirgsland begann schon 1973, mit dem Sturz des Königs. Alfred Treiber und Erhard Stackl, die Afghanistan in entscheidenden Momenten dieses Prozesses erlebt haben, blicken zurück.

Afghanistan Anfang der Siebziger: Das Radio soll modernisiert werden, und es findet eine Revolution statt, die die halbe Bevölkerung nicht mitbekommt. Eine Erinnerung des ORF-Redakteurs Alfred Treiber.

Angefangen hat es mit einer inoffiziellen Vorstellung beim Direktor von Radio Afghanistan, der uns unmissverständlich klar macht, dass es für uns Entwicklungshelfer keine nennenswerte Arbeit gibt. Denn erstens läuft alles bestens, zweitens versteht uns sowieso kein Mensch - was sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinn gemeint sei. Aber, sagt er, machen Sie sich nichts draus. Zwei Jahre sind schnell um . . .

Ich beschließe, ein Tagebuch zu führen.

6. Oktober 1972: Ein Anruf. "Der Herr Informationsminister", heißt es, "will uns sprechen." Also sitzen wir ihm kurz darauf gegenüber. "Was", fragt er nach den üblichen und längeren Höflichkeitsfloskeln, "halten sie von unserem Radiodirekor?" Wir bringen es ohne Umschweife auf den Punkt: "Gar nichts!" Der Minister lächelt: "Das trifft sich gut. Er war faul und korrupt." "Wieso war?" "Weil ich ihn gestern abgesetzt habe. Jetzt erwarte ich Ihre Hilfe. Der König findet, dass Radio Afghanistan zu viel kostet. Man will dort für nächstes Jahr zwei Millionen Afghani mehr Geld, um neue Studios zu bauen. Wir haben den Verdacht, dass es genug Studios gibt. Finden Sie das heraus. Sie haben jede Unterstützung." Die Sache ist eine fast schändlich leichte Aufgabe. Bereits einige Tage später ordnet der neue Direktor auf unsere Anregung hin neue Dienstzeiten an, die den Stau in den Studios zwischen elf und fünfzehn Uhr schlagartig auflösen, weil die Leute ganztägig zu produzieren beginnen. Der zweite Teil ist schwieriger. Wir schlagen vor, einfache Musiksendungen live zu senden. "Live? Ist das Ihr Ernst? Wo jeder unkontrolliert sagen kann, was er will? Bei uns wird jeder Satz zweimal zensuriert. Live! Unmöglich. Sagen Sie das dem Minister."

"Gut", meint dieser, "sehr gut. Das machen wir ab morgen!" Wir wenden ein, dass es rund die Hälfte aller Sendungen betrifft und 30 Leute einzuschulen sind, die kein Englisch sprechen. "Wir brauchen einige Wochen Zeit." "Gut", sagt er, "ich gebe Ihnen einen Monat." Vom Direktor bekommen wir jede Unterstützung. Aber die Mitarbeiter lachen hinter unserem Rücken, weil wir in Farsi radebrechen (also in jenem Küchen-Persisch, das wir bei der Ausbildung beim Deutschen Entwicklungsdienst gelernt hatten) und ganz offensichtlich verrückt sind, sonst würden wir ja nicht nach Afghanistan kommen. Wir nehmen uns einen Sprachlehrer für die Fachausdrücke, erklären mit Händen und Füßen. Als dann der Minister selbst auftaucht und sich vom Fortschritt überzeugt, lacht keiner mehr.

Dann kommen wir drauf, dass wir auch deswegen an Autorität gewonnen haben, weil wir jetzt mit dem Auto ins Radio kommen. "Was sind das für komische Typen", sagt ein Mitarbeiter, "die mit dem Fahrrad herumfahren und sich in Lehmhütten von Wanzen und Flöhen plagen lassen. Warum schickt man uns Leute, die so wenig verdienen, dass sie wie unsere Ärmsten leben? 11. Jänner 1973: Ein Brief nach Hause. "Lieber Wolfi, o du lieber Bimmel, zu Hause groß reden und hier leben, das ist, merk' ich schmerzlich, wahrhaftig zweierlei. Realiter schaut es so aus, dass ein paar beklopfte Idealisten herumwerkeln, während politisch unterstützte Interessenvertreter jeder Art in aller Ruhe Geschäfte machen. Die Russen bauen eine Straße nach dem Norden und werden ein paar alte Tanks los. Dafür knöpfen sie den Afghanen Erdgas zu einem lächerlichen Preis ab. Die Amis bauen die Straße in den Süden und eine Cola-Fabrik. Und halten die Russen in Schach - glauben sie. Die Deutschen bilden die Polizei aus, bauen den Flughafen und unterhalten ein Goethe-Institut. Überall sitzen Superexperten herum und verdienen sich krank. Und weißt du, was der größte Witz ist? Das sind alles alte Haudegen, denn die Jungen lassen sich nicht einmal mit viel Geld von ihrem Fernsehschaukelstuhl weglocken. Manche sagen sogar: 'Lasst doch das alte wackelige Kartenhaus zusammenbrechen, dann wird man weitersehen!'"

20. Jänner 1973: Heute Nacht hat es geschneit. Fast einen Meter. Überall schaufeln die Männer Schnee von den Flachdächern der Lehmhäuser, damit sie unter der Schneelast nicht zusammenbrechen. Und kleine Gassen werden geschaufelt, damit man zu den Fladenbrotbäckern kommt.

Verkehr gibt es keinen. Wir bleiben zu Hause bei unserer Stromheizung. Draußen sitzen die Leute bei minus 30 Grad in ihren offenen Läden - die Füße unter deckenüberzogenen Tischchen, unter denen Holzkohleöfen sehr lokale Wärme abgeben.

Am 3. März 1973 ist ein historischer Tag. Das Studio ist fertig, und das Ministerium schickt uns ein paar Universitätsabsolventen zur Ausbildung. Wir sollen sie nehmen, wenn sie gut sind. Gleichzeitig gibt man uns zu verstehen, dass wir sie auch nehmen sollen, wenn sie nicht gut sind . . . denn keine andren kriegen wir nicht . . . Wir nehmen fünf ausgebildete Lehrer. Drei Männer, zwei Frauen. Bald darauf kommen die Unterlagen für die erste Schulfunkserie, die Gesundheitserziehung für die Sechs- bis 14-Jährigen als Schwerpunkt hat.

21. April 1973: Die große Frage. Was kommt bei afghanischen Kindern am besten an? Wir haben keine Ahnung. Unsere Partner auch nicht. Also werden wir das Problem in der Praxis lösen. Wir werden die gleichen Inhalte in verschiedene Formen packen (als Dokumentation, Hörspiel, Märchen, Reportage usw.) und draußen die verschiedenen Formen bei den Kindern testen. Mr. Wilson von der Unesco schlägt vor, die Kinder das, was sie sich gemerkt haben, zeichnen zu lassen. Experten sollen die Ergebnisse analysieren, die beste Form geht in Serie. Das finden wir gut. Die unterschiedlichsten Programme werden in unserem relativ primitiven Studio produziert. Unsere Counterparts arbeiten nicht gerne, aber sie arbeiten. Doch sie achten peinlich darauf, dass es beim Minimum bleibt und die Sache nicht ausartet.

Am 25. Mai stellen sie uns endlich die Frage, die sie schon lange quält: "Warum", fragen sie, "verdienen die UN-Experten das Zehnfache von euch?" "Weil wir Freiwillige sind." "Und die", fragen sie weiter, "machen das nicht freiwillig?" "Schon, aber gleichzeitig ist das ihr Beruf." "Bei euch nicht?" "Ja, schon, aber gleich

zeitig sind wir auch so etwas wie Idealisten." "Dann", sagen sie, "sind wir auch Idealisten, denn wir verdienen nur ein Zehntel von euch und ein Hundertstel von einem UN-Experten!" Gott sei Dank lachen wir alle. Das erspart uns eine peinliche Antwort.

17. Juni 1973: Das Projekt geht schleppend voran. Da es auch langsam immer heißer wird, ist Schwimmen im Hotel Intercont angesagt. Aber heute nicht. Ein einzelner Mensch steht vor dem menschenleeren Pool, und der Kellner sagt beschwörend "Sorry, Sir, aber der Kronprinz probiert sein neues Angelgerät aus . . ." Später redet die leutselige Majestät sogar mit mir. Mädchen und Reisen haben es ihm angetan. "Aber", sagt er, "Papa sieht das gar nicht gern. Papa sagt, ich soll mich für Politik interessieren. Aber Politik ist so langweilig . . ."

Ein Paar Nächte sind auch zu dieser Zeit sehr unruhig. Vor allem die vom 17. Juli 1973. Wir haben Schüsse gehört und ein Manöver vermutet. Unser Koch kommt und sagt, er hat am Weg hierher zerschossene Jeeps gesehen, Polizisten sind eingesperrt worden, Tote auf der Straße gelegen. Aber er weiß nicht, was los ist, die Nachrichten im Radio versteht er nicht . . .

Das ist der Moment, in dem sich die Sprachenpolitik von Radio Afghanistan in seiner ganzen Absurdität zeigt. Alle Nachrichten sollen in Paschtu, der Stammessprache des Königs und des "Herrenvolkes", gesendet werden, und nicht in der gebräuchlichen Verkehrssprache Farsi. Was zur Folge hat, dass das "gewöhnliche" Volk auf der Straße die längste Zeit nicht weiß, dass es eine "Revolution" gibt, dass der auf einem Staatsbesuch in Italien weilende König abgesetzt ist, dass der Schwager des Königs und ehemalige Premier Daud geputscht und die Republik ausgerufen hat . . .

Also nehmen wir meinen Wagen mit afghanischem Kennzeichen und fahren zum Radio. Überall Militär. Unsicher wirkende Soldaten fuchteln aufgeregt mit Maschinenpistolen herum. An allen wichtigen Punkten stehen Panzer. Im Büro begrüßt man uns mit großem Hallo. Das Bild des Königs liegt zerrissen im Gras, und alle lachen. Wir sagen dem Direktor: "Lang lebe die Republik. Aber wenn ihr das nicht langsam den Leuten in ihrer Umgangssprache sagt, dann wissen das nicht einmal die Hälfte der Menschen im Land." Danach werden auch Nachrichten auf Farsi gebracht . . .

5. Oktober 1973: Heute beginnen die Testvorführungen. Wir fahren mit dem Schulbus in die hintersten Winkel des Landes. Unsere Leute aber seufzen den ganzen Tag. Für sie ist das Verlassen Kabuls die größte Strafe. So müssen sich die alten Römer gefühlt haben, die in die Verbannung geschickt wurden . . . Als wir - meist im Freien - unsere Lautsprecher aufstellen und die Sendungen abspielen, lauschen die Kinder fasziniert und zeichnen Szenen nach. Die Auswertung von 800 Zeichnungen ergibt eindeutig, dass der Anekdotenstil am besten ankommt. Der alte pfeifenrauchende und hustende Opa, der die Gesundheitsprobleme in Form von lustigen Geschichten anpackt, hat es ihnen angetan . . . Um es kurz zu machen: Es gibt kein Happyend. Das Ministerium kann sich nicht entschließen, mit dem Programm auf Sendung zu gehen. Sie finden immer neue Haare in der Bildungssuppe. Zum Beispiel machen wir eine Sendung über Nomaden. Aber offiziell darf es im Land keine Nomaden geben. Überhaupt ist ihnen in den Programmen zu viel reales Leben. Man will aber auch nicht ministeriell das Projekt abblasen, daher werden wir gebeten, ein weiteres Jahr Probesendungen zu machen.

12. März 1974: Ich habe beschlossen, meinen Vertrag zu kündigen und damit ein kleines, aber feines Exempel zu statuieren. 13. März 1974: Was ist die Lösung? Ein Guru für Indien, ein sozialer Glaubenseiferer für Afghanistan? Was weiß ich. Fest steht: Unser westlicher Weg bringt hier nichts. Die primitive Kopie des marxistischen noch weniger. In solchen Ländern müsste der Wahnsinn eine bessere Methode haben. Sonst bleiben sie zwischen Imitation und Lethargie stecken. 15. März 1974: Wir wollen zum Abschied, verkünden wir heute, gemeinsam ein Wienerlied einstudieren. Es hat starke Bezüge zu Afghanistan, versprechen wir. Alles rückt zusammen. Dann diktieren wir den Text: "Wann der Herrgott net wü, nützt des gar nix. Sei ned bös, ned nervös, sag es war nix..." Nach der Übersetzung singen wir: "Agar choda na chodat - hedsch dschis nes . . ." usw.

Unsere Leute haben Tränen in den Augen. Das ist zum Weinen schön, versichern sie. Ein echtes Lied für einen Muslim. Das ist Fatalismus in höchster Vollendung. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25. 11. 2001)



Der Autor, heute Kultur- und Programmchef von Ö1, verbrachte gemeinsam mit dem damaligen ORF-Kollegen Peter Houlasek zwei Jahre als Programmberater von Radio Afghanistan in Kabul. Dieser Entwicklungshilfeeinsatz im Rahmen eines Unesco-Projektes dauerte von September 1972 bis Mai 1974.

Déjà vu in Kabul
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