Joschka Fischer: Das Leben als stetige Wandlung

25. November 2001, 19:17
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Mit einer rhetorisch geschickten Rede auf dem Parteitag hat Joschka Fischer am Wochenende sein politisches Lebenswerk gerettet: die Grünen und sein Amt als Außenminister. Denn der inzwischen ergraute und von Falten zerfurchte Marathonläufer hätte es, allen anders lautenden Aussagen zum Trotz, nur schwer verwinden können, wenn er seinen Stuhl im Auswärtigen Amt räumen hätte müssen.

Deshalb setzte der ehemalige Sponti alles auf eine Karte und gewann. Ein Nein zum Militäreinsatz hätte das Aus für Rot-Grün und wohl auch für seine Partei bedeutet: Denn ohne Fischer haben die Grünen keine Chance, über die Fünfprozenthürde zu kommen. Und ohne Krieg kein Fischer, hat ihnen der Außenminister klar gemacht.

Fischer hat die Krise kommen sehen und wie üblich mit Zuckerbrot und Peitsche agiert, um die Grünen einmal mehr auf Regierungsfähigkeit zu trimmen. Er hat dafür geworben, dass nur die Grünen Garant für einen "verhältnismäßigen" Militäreinsatz seien, und gleichzeitig offen mit Rücktritt gedroht.

Der Beifall für ihn auf dem Grünen-Parteitag kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich zwischen Fischer und der Basis eine riesige Kluft aufgetan hat. Selbst Realo-Freunde werfen ihm Abgehobenheit vor. Die vor Allgemeinplätzen strotzende Diplomatensprache, der inzwischen wieder abgelegte Siegelring, die stets blitzenden Manschettenköpfe - seine Verwandlung vollzog sich in einem atemberaubenden Tempo. Die Rolle als Weltstaatsmann scheint zu ihm zu passen wie die Anzüge.

Das Leben Fischers ist steter Wandel. Spätestens seit Mitte der 70er-Jahre durch Annäherung an die Mitte der Gesellschaft, an die Macht. Der 1948 geborene Sohn eines Fleischhauers, dessen familiäre Wurzeln in Ungarn liegen und der zum vierten Mal verheiratet ist, wurde im Umfeld der Studentenbewegung sozialisiert. Seine steinewerfende "Putztruppe" und seine Nähe zum terroristischen Untergrund waren vor knapp einem Jahr wieder ein Thema, haben ihm aber letztlich nicht geschadet.

Aufgerüttelt durch den RAF-Terror wandte er sich von der Gewalt ab, bei den Grünen fand er seine neue Aufgabe: Er wurde Abgeordneter, war ab 1985 für eineinhalb Jahre hessischer Umweltminister, später Fraktionschef in Bonn und seit 1998 erster grüner Außenminister.

Dass dies die Endstation des inzwischen beliebtesten deutschen Politikers ist, glaubt in Berlin niemand. Auffällig gerne erzählt Fischer eine Geschichte aus seiner Kindheit, als er mit einem Onkel auf einem Ausflug Bundespräsident Theodor Heuss traf, der ihn "freundlich gegrüßt" habe. Sehr viel umstellen müsste er sich für dieses Amt nicht, ätzen Parteifreunde. Aber stolz wären sie trotzdem auf ihren "Joschka". (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 26.11.2001)

Alexandra Föderl-Schmid
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