Vom Radikalismus zum grünen Realismus

25. November 2001, 19:18
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Joachim Raschke: Die Zukunft der Grünen Campus Verlag, Frankfurt/New York 2001 470 Seiten, 364 S

Joachim Raschke hat die erste Analyse vorgelegt, wie die deutschen Grünen in der Regierung agieren und was sie in der rot-grünen Koalition erreicht haben. Mit Akribie zeichnet der in Deutschland sehr bekannte Parteienforscher anhand der Beispiele Umweltpolitik, Atomausstieg, Ökosteuer und Reform des Staatsbürgerschaftsrechts nach, wie die Grünen gescheitert sind: Aus radikalen Positionen wurde kleinlauter Realismus, der der Basis als großer Erfolg verkauft wurde. "Sie zeigen nicht alles, aber sehr vieles von dem, was man falsch machen kann", so der an der Universität Hamburg lehrende Autor.

Als Hauptgrund für die fehlende Durchsetzungskraft bezeichnet Raschke das Fehlen von tragfähigen Konzepten. Die Grünen hätten es verabsäumt, sich in der Opposition auf die Regierungsarbeit vorzubereiten - was eine Lehre für die österreichischen Grünen sein könnte. Beim Regieren sieht man alle Schwächen, die die Grünen als Partei nicht überwinden konnten.

Raschke konstatiert, dass den Grünen ein "strategisches Zentrum" fehle. Die Grünen hätten kein Führungspersonal, das flexibel reagieren könne. Damit könnten "Strömungsfürsten" wie Joschka Fischer destruktiv wirken.

Raschke kommt zu dem Fazit, dass die Regierungsbeteiligung die Partei in ihre größte Krise gestürzt hat - aber paradoxerweise auch ihre einzige Chance ist. Mindestens acht Jahre Regierungsverantwortung seien erforderlich, um die Grünen zu stabilisieren. Außerdem müsse es der Partei gelingen, eine jüngere Elite zu etablieren. Kommen sie 2002 nicht mehr in die Regierung, verschwinden sie von der politischen Bühne, prophezeit Raschke. Sein Fazit: Wenn die Grünen scheitern, dann an sich selbst. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. November 2001)

Alexandra Föderl-Schmid

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