Die Blähungen einer Schnecke

25. November 2001, 20:32
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"Air": Wiederauferstehung der Hässlichkeit von 70er- und 80er-Jahre-Musik

"Air", neben "Daft Punk" die Aushängeschilder französischer Popmusik, ließen die Hässlichkeit vermeintlich progressiver 70er- und 80er-Jahre-Musik wieder auferstehen.

von Karl Fluch


Wien - Skeptiker und im Sternbild des Pessimisten Geborene haben es geahnt. Es ist nicht vorbei: Klaus Schulze sitzt immer noch hinter seinen Synthesizer-Burgen und perforiert mit total schönen und irrsinnig intensiven Klangflächen die ihn umgebenden Spinnweben. Jean Michel Jarre, der alte Sauerstoff-Junkie mit permanenter Sorge um den blauen Planeten, kann die Finger auch nicht von den Tasten lassen und reklamiert mit fortschreitender Demenz nicht nur die Rettung der Erde, sondern auch die Erfindung von Techno für sich. Mindestens.

Und Phil Collins, ein anderer Vorzeige-"Progressiver" für Halbgebildete mit zu dünnen Haaren und zu dicken Brillen, trommelt wiedergängerisch sein aufgeblasenes "In The Air Tonight" aus den Boxen der Kompaktanlage in die Spießerwohnung.

"In The Air Tonight"! Jene Klang gewordene Blutleere aus dem Schreckenskabinett der frühen 80er-Jahre, die nicht zufällig den Einstieg ins Thema bildet: Air gastierten nämlich am Samstag im Pepsi Music Club und erhoben dort als hässliche Schnittmenge der oben angeführten Untoten ihre Fratze: Es ist nicht vorbei!

Mit ihrem Debütalbum "Moon Safari" von 1998 etablierte sich Air, das sind Nicolas Godin und Jean-Benoît Dunckel, als das Popaushängeschild Frankreichs neben Daft Punk. Wo Daft Punk, trotz mannigfaltiger Referenzen an die verschiedensten Winkel des Musikuniversums letztlich doch auf House-Basis reduziert weltweit die Dancefloors und die Charts eroberten, gebaren Air einen stärker Richtung klassischen Pop orientierten Hybrid. Dieser bediente sich zwar ebenfalls bei der Ästhetik funktioneller Tanzmusik, schien sich jedoch im Song-Format am wohlsten zu fühlen.

Wie so oft, wenn Pop aus Frankreich international auffällig wird, muss Serge Gainsbourg, der vor zehn Jahren verstorbene Übervater des Franz-Pop, als Bezugspunkt herhalten: Doch nach der Livepremiere von Air im Wiener Prater muss bezweifelt werden, ob sich der große Nonkonformist tatsächlich mit diesem künstlerischen Stillstand in Verbindung bringen lassen würde.

Schneckentempo

Denn wo Gainsbourg für anarchistische Ausschweifung aller Art steht - ja, ja "Je t'aime" und der gute Rest! -, erschienen Air als die starrsten Langweiler vor dem Herrn. Im schneckenhaften Tempo überzog eine fünfköpfige Liveformation die ausverkaufte Halle mit ewiggestrigem Bombast.

Eingekeilt zwischen zwei Synthesizern erhob sich eine, stellenweise vom Vocoder verfremdete Stimme, und verdeutlichte, was zeitgeistige Fachblätter wohl mit dem fragwürdigen Begriff "Retro-Futurismus" meinen könnten. In langatmigen Keyboard-Ausflügen in ebensolchen Instrumentalnummern vermeinte man, den Staub zu sehen, der sich langsam auf das Manual setzt. Stücke also, die wohl für die von Air immer wieder angeführten Einflüsse von diversen Easy-Listening-"Künstlern" standen.

Selbst die vermeintlichen Hits des aktuellen Albums "10.000 HZ Legend", wie "How Does It Make You Feel" oder "Radio#1" verlangsamten Air bis an die Grenze des Umfallens, wurden aufgebläht, träge und letztlich überflüssig. Da begeht jedes Bier Selbstmord, da moussiert jeder Wein wie von selbst, da geht jedes renitente Kleinkind freiwillig zu Bett.

Was soll man also über eine Band sagen, die Christian Kolonovits' Tun rechtfertigt und bekräftigt? Eine Band, die jene Musik abfeiert, wegen der sich Kids in den 70ern Sicherheitsnadeln durch die Wangen gestochen haben und Richtung Queen das Bein erhoben haben? Kurz, eine Band, die für all das steht, wogegen zu Beginn der Independent- und Alternative-Kultur radikal angekämpft wurde und die heute in genau dieser Kultur erfolgreich auf Publikumsfang geht?

Nur so viel: das elendigste Konzert des Jahres.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.11. 2001)

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