Familienfreundliche Singspiel-Anarchie

25. November 2001, 22:59
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Das "Weiße Rössl" in Grazer Schauspielhaus - inszeniert von Kurt Palm

von Stefan Ender


Graz - Es ist immer so, einfach immer: Wenn man sich einmal im Monat nicht den Sport anschaut, sondern die "Seitenblicke", dann ist da in den Seitenblicken in jedem Fall Waltraud Haas, die einem ziemlich resch entgegenlächelt und irgendetwas sagt; Gatte Strahl macho- bis grandseigneurhaft an ihrer Seite.

Man wundert sich dann, dass Haas immer noch exakt so resch lächelt wie damals in den 50er-, 60er-Jahren auf Zelluloid und denkt kurz an Film-Kompagnon Peter Alexander, der ja auch gern lächelte, aber immer eher treuherzig-kuschelig, von dem man aber viel weniger hört und den man in der eigenen Vorstellung in seiner Villa am Wörthersee wähnt, permanent treuherzig-kuschelig vor sich hinlächelnd also und nur einmal im Jahr zur Adventszeit gestört von ein paar Interviewanfragen seine große Fernsehshow betreffend, ob und unter welchen Umständen er denn wieder und so weiter und so fort.

Leicht nervös

Ja: Haas und Alexander waren Wirtin und Zahlkellner in der 1960er-Verfilmung des "Weißen Rössls", und ein wenig erinnerte Gerti Pall in Kurt Palms Grazer Neuinszenierung auch an Haas' Josepha Vogelhuber, wenn auch Pall die Chefinnen-Resolutheit noch mit einer leicht nervösen Grande-Dame-Attitüde zu kombinieren wusste; Helfried Edlinger machte als Leopold eher auf Strizzi, auf Ostbahn-Kurti mit weißem Langhaar.

Keine schlechte Idee von Palm, die beiden Hauptfiguren mit Schauspielern jenseits der 60 zu besetzen; so konnte beim Zuschauer die Vorstellung aufkeimen, die zwei hätten seit der Verfilmung vor 40 Jahren, in einer Art Zeitschleife gefangen, Tag für Tag die Benatzkysche Posse gegeben, mit jedem Mal ein klein wenig derangierter und abgetakelter. Grosso modo überzeugte Palms Personenführung weniger: Der bärbeißige Fabrikant Giesecke (Franz Friedrich), dessen Töchterchen Ottilie (Martina Stilp) oder auch Professor Hinzelmanns Klärchen (Silvia Meisterle) waren eher gut gespielte Schablonen, die man in jeder Kreistheaterproduktion genauso gut und vor allem eben genauso gespielt sehen kann. Wie man's besser hätte machen können zeigte Stefan Maaß:

Witziger Sinn

Sein Dr. Siedler hatte eine dynamische 20er-Jahre-Eleganz, war von unkonventionellem, leicht irrem Charme, mit seiner präzise geführten, hohen Singsangstimme zwischen Kind, Mann und kasperlndem Faun changierend.

Die von Palm dazu erfundene Hitlerfigur Adolfus Schicklgruber (virtuos: Franz Solar) machte Sinn, war witzig, die Kürzungen, die Musik (Georg Schulz): auch o.k. Dass das titelgebende Fremden-Pensiönchen unbedingt schräg im braunen Ufersumpf stecken musste (Bühne: Renato Uz), von einem Sandsack-Wehr umgeben, zeitigte lediglich gähntherapeutische Effekte; dass Palm die Touristengruppe in leicht sozialpornographischer Manier zur geriatrischen Freak-Show auffrisieren würde, war so vorhersehbar wie fad.

Der familienfreundliche Applaus zeigte: Die handzahme Anarchie von Palms Rössl-Inszenierung nützt niemandem irgendwas; dann lieber in die Volksoper gehen oder den Film anschauen, da gruselt sich's besser. Und Waltraud und Peter lächeln sowieso bis in alle Ewigkeit, diese Vorstellung ist an Grausamkeit eh nicht mehr zu überbieten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.11. 2001)

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