Mehr Ausbildung statt Bauprojekte

26. November 2001, 15:10
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Wirtschaftsforscher Aiginger: Konjunkturpakete sollen sich auf Behebung struktureller Defizite konzentrieren

Wien - "Wir müssen auch zur Abwehr der Rezession das tun, was langfristig und strukturpolitisch sinnvoll ist", empfiehlt Karl Aiginger, Industrieexperte des Wirtschaftsforschungsinstituts, vor dem Konjunkturgipfel der Regierung am kommenden Dienstag. "Wer in der Rezession als konjunkturpolitisches Rezept immer nur das macht, was kurzfristig scheinbar die größten Effekte verspricht, bekommt eben das, was wir in Österreich haben: Einen aufgeblähten Bausektor und unterentwickelte Forschungs-und Entwicklungsaktivitäten", warnt Aiginger im Gespräch mit dem STANDARD. Deshalb sollte gerade jetzt in Ausbildung, Forschung und Informationstechnologien investiert werden.

Denn gerade in diesen Bereichen, die für das künftige Wachstumspotenzial der Wirtschaft entscheidend sind, weise Österreich bedenkliche Defizite auf.

Dabei sei zur Behebung dieser Defizite in Österreich schon vieles angedacht worden, was dann aber in der Pipeline stecken geblieben sei. Würde man nun an die Realisierung dieser Ideen gehen, hätte dies auch einen konjunkturstützenden Effekt.

Aiginger könnte sich dabei folgende konkrete Maßnahmen vorstellen:

[] Am Bau: Schon ausfinanzierte, aber bisher verzögerte Bauvorhaben vorzuziehen, sei zwar wünschenswert, aber kaum realistisch. Viel wichtiger wäre es, in der Bauwirtschaft mehr für die Ausbildung zu tun.

Aiginger: "Sinnvoll wären spezifische Angebotspakete zur Höherqualifizierung für arbeitslose Bauarbeiter, etwa in der Mechanik, der Elektronik oder auch zur Befähigung für kleinere Planungsaufgaben. Damit hätten die Arbeiter in der nächsten Hochkonjunkturphase eine zweite Chance: statt zum gleichen Job zurück vielleicht auf einen neuen, besser qualifizierten."

[] In der Ausbildung: Ausgaben in die Ausbildung sollten für Private etwa bis zu einer Höhe von 50.000 Schilling als Werbekosten steuerabsetzfähig werden. Unternehmen sollten für die Ausbildung im Betrieb einen Freibetrag geltend machen können.
[] Lebenslanges Lernen: Seit zehn Jahren, so Aiginger, werde darüber diskutiert, passiert sei bisher nichts. Es gelte die Aneignung moderner Fertigkeiten, vor allem neuer Informationstechnologien, zu fördern. Die Idee eines Ausbildungsschecks, der individuell gestaltbar und lebenslang einsetzbar wäre, sollte erprobt werden.
[] In der Forschung: Wahlweise zum Freibetrag sollte es einen Absetzbetrag für Forschungsausgaben geben, der dann auch jungen Firmen, die noch keine Gewinne machen, einen Anreiz bietet. Für die universitäre Forschung sollte es besondere Anreize für die Einwerbung von Drittmitteln aus der Industrie geben, etwa durch eine staatliche Verdoppelung dieser Mittel.

[] In der Informationstechnologie: Sowohl für Unternehmen als auch Private sollte es spezifische Förderungen geben, sowohl für die Anschaffung von PCs und von Software als auch für Schulungsprogramme. Diese Fördermaßnahmen könnten auch befristet - etwa bis Mitte 2002 - eingerichtet werden. Damit könnten Vorzieheffekte und ein konjunkturpolitischer Schub erzielt werden.

All diese Maßnahmen würden sich budgetär mit zwei bis drei drei Mrd. S zu Buche schlagen, schätzt Aiginger: "Damit hätte man dann aber endlich in den wichtigsten Zukunftsbereichen einen Anschub geschafft."

Eine "neue Agenda einer Konjunkturpolitik" wird auch eines der Themen der Konferenz der "European Network on Industrial Policy" (EUNIP) bilden. Diese Vereinigung internationaler Wissenschafter tagt vom 29. 11 bis 1. 12. im Wiener AK-Bildungszentrum.

Statt sich auf das Vorziehen von Bauprojekten zu konzentrieren, sollten geplante Konjunkturpakete auf die Behebung langfristiger struktureller Defizite abzielen, fordert Industrieexperte Karl Aiginger vor dem Konjunkturgipfel der Regierung am Dienstag.
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