Wechselnde Kriegsloyalitäten

25. November 2001, 19:32
posten

Der Paschtune Mirzah Mohammed Nassiri erzählt die wechselvolle Geschichte seiner Kämpfe

Mirzah Mohammed Nassiri sitzt auf einer Holzbühne, die mit dicken Teppichen und großen roten Polstern ausgelegt ist, inmitten eines riesigen Hofes einer Privatvilla im nordafghanischen Imam Sahib. Mit sichtlichem Behagen genießt der Paschtunenführer die letzten sonnigen und warmen Tage, bevor der Winter einbricht.

Dieser Platz gleicht einem Paradies, vor allem im Vergleich zur Situation in Kundus, wo die erbitterten Kämpfe zwischen Taliban und Nordallianz das Leben der Bewohner in den letzten zehn Tagen in eine Hölle verwandelt haben. Nassiri hat Kundus vor zwei Wochen verlassen, knapp bevor der Kampf um die Stadt begann. Während der letzten fünf Jahre hat er die Polizei in Kundus kommandiert, unter der Herrschaft der Taliban. Als diese Kundus einnahmen, besuchte er eine Taliban-Schule und wurde so selbst zum Talib.

Totale Anarchie

"Zu dieser Zeit herrschte in Afghanistan totale Anarchie. Wir dachten, dass die Taliban gut sein würden für Afghanistan. Doch letzten Endes nutzten sie nur den Arabern und den Fremden, die mit ihnen kamen. Die Bevölkerung hier hat nur unter ihnen gelitten", erzählt der 45-jährige Bauer, der während der letzten 21 Jahre immer nur gekämpft hat und dessen Loyalitäten wenig stabil sind. Vor 14 Tagen, als der Zusammenbruch des Taliban-Regimes erkennbar wurde, wechselte er wieder die Seiten und schloss sich mit 200 seiner Männer der Nordallianz an.

Nassiri fällt es nicht leicht, seine ständigen Seitenwechsel zu erklären. Manchmal, wenn er mit einer unbequemen Frage zur Zusammenarbeit mit dem Terrorregime der Taliban konfrontiert wird, wird er immer lauter. Er schreit beinahe. Und oft gibt er keine direkte Antwort.

"Mein Problem mit den Taliban begann, als wir erkannten, dass sie nicht in Kundus und auch nicht in Afghanistan die Demokratie installieren würden. Sie taten bloß, was ihnen die Araber und die fremden Verbündeten befahlen. Sie standen unter dem Befehl der internationalen Terroristen."

Bald hätte ihre Herrschaft terroristische Züge angenommen. Sie drohten, alle umzubringen, die nicht ihre Befehle befolgten. Sie schlugen Leute, die sich weigerten, die neuen Regeln zu akzeptieren, und oft brachten sie auch Leute tatsächlich um. Sie sperrten die Schulen zu, zwangen Ladeninhaber ihre Läden zu schließen und in die Moscheen beten zu gehen.

Nur Schaden

"Als ich Kundus verließ, gab es dort immer noch 2000 bis 3000 Araber und Fremde, Pakistanis, Usbeken, Tschetschenen und Tataren. Sie hatten sehr gute Beziehungen zu den Taliban. Als ich verstanden habe, dass die Taliban uns nur schadeten, kontaktierte ich General Dostum von der Nordallianz und begann ihm Informationen über Kundus zukommen zu lassen." Nach den Terroranschlägen vom 11. September sei er von der US-Botschaft in Islamabad in Pakistan eingeladen worden, um über die Lage zu diskutieren. Er sei geheim nach Pakistan gefahren und habe dort amerikanische Beamte getroffen.

"Sie baten mich, Terroranschläge in Kundus zu organisieren und sie mit Informationen über Taliban-Stellungen in der Gegend zu versorgen. Ich fuhr auch nach Beginn der Luftangriffe damit fort, ihnen Informationen zukommen zu lassen. Dann erfuhren die Taliban, dass ich für die Allianz arbeite. Sie luden mich zu einem Treffen ein, wo ich verhaftet hätte werden sollen. Ich erfuhr jedoch von ihren Plänen und bin geflohen."

Letzte Bastion

Die Schlacht um Kundus sei entscheidend, sagt Nassiri. "Sobald die Truppen der Allianz die Kontrolle in dieser strategisch wichtigen Stadt übernommen haben, werden die militärischen Führer in Kandahar einsehen, dass sie keine Chance gegenüber der Nordallianz haben, und werden die letzte Bastion der Taliban freigeben."

Dann werde die islamische Regierung die Verantwortlichen der Taliban an die internationale Justiz übergeben. "Nicht alle Taliban waren schlecht", erklärt er und denkt ohne Zweifel an seine eigene Zukunft im neuen Afghanistan. Er hat keine Angst, zurück nach Hause zu gehen, und erwartet keine Racheaktionen in Kundus. "Es ist unser Zuhause, und wir müssen zurückkehren. " (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 26.11.2001)

STANDARD- Mitarbeiter Eldad Beck aus Imam Sahib
Share if you care.