Meisterprüfung: Mindeststandard oder Zutrittsbarriere

25. November 2001, 19:53
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Heftige Diskussion über die Sinnhaftigkeit eines institutionalisierten Nachweises von Qualität

Wien - Eine deutliche Mehrheit der Teilnehmer am STANDARD-Barometer bekannte sich zur Marktwirtschaft und zum freien Wettbewerb. Trotzdem müsse es aber gewisse Steuerungsfaktoren wie die Gewerbeordnung samt Meisterprüfung weiterhin geben. Eine Meinung, die bei den Diskussionsteilnehmern nicht auf ungeteilte Zustimmung stieß.

Der "Vorzeigeliberale" Hans-Peter Haselsteiner trat sogar für die gänzliche Abschaffung der Meisterprüfung ein. Diese stelle immer noch eine Zutrittsbarriere für neue Unternehmer dar. Diese Funktion sei "kritisch zu hinterfragen", sagte Haselsteiner.

Patrizia Grecht, die sich nach einigen Jahren als Angestellte im elterlichen Betrieb vor einem Jahr mit einem eigenen Friseursalon selbstständig gemacht hat, plädierte dagegen für die Beibehaltung der Meisterprüfung. Diese stelle einen gewissen "traditionellen Mindeststandard" dar und zwinge dazu, sich in allen für ein Unternehmen relevanten Bereichen auszukennen. Außerdem vermittle sie den Kunden das Gefühl, sich in qualifizierte Hände zu begeben. Die Meisterprüfung gebe den Unternehmern auch Sicherheit bei der Auswahl von geeignetem Personal. "Man weiß zumindest, dass ein Mitarbeiter, der von einem Meisterbetrieb ausgebildet wurde, über ein gewisses Level verfügt", sagte Grecht.

Die Meisterprüfung habe ihr auch bei der Ausbildung der eigenen Mitarbeiter geholfen: "Nur wenn ich selbst etwas in einer bestimmten Weise gelernt habe, kann ich das auch an meine Mitarbeiter weitergeben." Daher sollte die Meisterprüfung keinesfalls abgeschafft werden.

Ein solches "Qualitätsargument" sei zwar durchaus vernünftig, sagte Haselsteiner. Qualität lasse sich aber auch ohne eine institutionalisierte Meisterprüfung verwirklichen. Die Prüfung selbst bürge nämlich noch nicht notwendigerweise für Qualität und sollte daher auch nicht unbedingt Voraussetzung dafür sein, dass sich jemand selbstständig machen könne. Vielmehr gehe es um laufende Fortbildung: "Welche Aussagekraft hat eine vor 40 Jahren abgelegte Meisterprüfung?"

"Sozialkapital"

Für den Kommunikationswissenschafter Matthias Karmasin geht es bei der Meisterprüfung um eine "Form des Sozialkapitals" ähnlich einer ISO-Zertifizierung oder einem akademischen Titel. Damit solle eine gewisse "Qualitätsdifferenzierung" vorgenommen werden. Sowohl Kunden als auch Unternehmer hätten "tiefe Sehnsucht nach diesem Orientierungswissen", sagte Karmasin. (zwi, DER STANDARD, Printausgabe 26.11.2001)

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