Kultur des Scheiterns als Basis für Gründer

25. November 2001, 21:18
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Abschluss der Serie: Diskussion über lebenslanges Lernen, Grundsicherung und Medienvielfalt

Standard: 79 Prozent unserer Leser und Leserinnen sind für die Grundsicherung, auch ohne Erwerbsarbeit.

Haselsteiner: Grundsicherung ist nicht nur ein vernünftiges Modell im Sinne der sozialen Treffsicherheit, sondern meiner Überzeugung nach eines der ganz, ganz wenigen umsetzbaren, leistbaren und finanzierbaren Modelle.

Ederer: Ich stehe ihr sehr skeptisch gegenüber. Ich bin mir nicht sicher, ob auch dann noch so viele zustimmen, wenn sie für die Grundsicherung Steuer zahlen müssten. Karmasin: Wir müssen Erwerbsarbeit neu definieren. Eine Form kann Grundsicherung sein, eine andere Möglichkeit ist, unbezahlte Formen der Arbeit - Erziehungsarbeit, Reproduktionsarbeit, Pflegearbeit - als bezahlte Arbeit zu sehen.

Werner: Ich bin ein Anhänger der Grundsicherung, weil die typische Trennung zwischen Unselbstständigkeit und Selbstständigkeit nicht mehr so klar festgesetzt ist. Wenn Unselbstständige in die Selbstständigkeit gehen, fehlt die soziale Absicherung. Das jetzige System ist ungeeignet.

Haselsteiner: Dass Grundsicherung automatisch mit Steuererhöhung einhergeht, stimmt so nicht. Wir zahlen ja heute schon jede Menge, nur nicht sozial treffsicher.

STANDARD: Die Mehrheit meint, die Schule bereite weder auf Selbstständigkeit noch auf lebenslanges Lernen vor.

Karmasin: Lebenslanges Lernen heißt, Freizeit zu verwenden. Lernen ist immer etwas, wofür ich Zeit opfere.

Grecht: Ich glaube, dass man da viel früher beginnen muss, einem Menschen zu zeigen, dass Lernen Spaß macht. Natürlich opfert man Freizeit, aber muss man es als Freizeit "opfern" sehen?

Karmasin: Ich glaube, dass Spaß auch immer damit verbunden ist, ein bisserl widerständig zu sein und Spielräume zu haben. Gerade deshalb halte ich Unternehmensuniversitäten für schlecht. Da kann ich nicht herumblödeln. Genau das ist ja die Aufgabe der mitteleuropäischen Universität, nutzlos herumreden zu dürfen.

STANDARD: 60 Prozent unserer Leser und Leserinnen sind überzeugt, dass man für eine gute Idee nicht genug Geld auftreiben kann. Fehlt uns wirklich das Kapital?

Grecht: Der Punkt ist, wenn man sich selbstständig machen will, dass man zu 10.000 verschiedenen Stellen rennen muss. Wenn ich nicht einen Partner hätte, der uns da durchgeschleust hat, ich alleine hätte das nicht geschafft.

Karmasin: Es gibt in Österreich keine Kultur des Scheiterns. Wir müssen für das Unternehmersein Spielräume aufbauen, wo sie ein bisserl probieren dürfen, ohne dass der Ernstfall eintritt. Ich frage mich, wo sind die Unternehmerschulen?

Ederer: Und wer stellt diesen Spielraum zur Verfügung? Die Gutmenschen der Privatwirtschaft, die sagen, jetzt richten wir eine Schule ein für Unternehmer, die gerne scheitern möchten, die habe ich noch nicht kennen gelernt.


STANDARD: Wie wär's mit elektronischen Unternehmensspielen für Schulen? Themenwechsel: Bei aller Liebe zur Marktwirtschaft treten unsere Leser für den Schutz der Medienvielfalt ein.

Werner: Da hat der Staat einfach die Aufgabe, das zu lenken und die Meinungsvielfalt zu garantieren. Jedenfalls die Rahmenbedingungen dafür.

Haselsteiner: Ich glaube, dass es nach dem Vorbild eines Regulators eine staatliche Aufgabe ist, bei den Medien einen fairen Ausgleich zu schaffen. Den Medien muss man natürlich sagen, dass sie sich ihre Klientel, ihre Nische suchen müssen. Und wenn sie gut sind, werden sie Marktanteile dazugewinnen.

Karmasin: Man muss deutlich sagen, dass sich publizistische und ökonomische Qualität eben nicht gegeneinander rechnen lassen. Ökonomisch erfolgreiche Zeitungen müssen leider - das ist das Elend am Zeitungsmarkt - publizistisch nicht besonders qualitativ sein und umgekehrt. (DER STANDARD, Printausgabe 26.11.2001)

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