Haupt will "Call Center" für Kinderbetreuung

25. November 2001, 15:02
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Kritik der Opposition an fehlender Problemlösung

Wien - Sozialminister Herbert Haupt (F) will in der Kinderbetreuung neue Wege gehen. "Der Berufsalltag von Frauen ändert sich rasant, die Kinderbetreuung muss darauf Rücksicht nehmen", erklärt Haupt. So will er etwa für zeitlich befristete "Notfälle" - analog der Altenhilfe - "Call Center" für die Betreuung von Kindern initiieren. Finanziert werden könnten solche Modelle u.a. über "Sozialsponsoring". Grundsätzlich wird Haupt auf Basis der Volkszählung den Bedarf an Kinderbetreuungseinrichtungen erheben lassen.

Zwei Hauptgründe legt Haupt seiner Argumentation zu Grunde: Immer mehr Frauen arbeiten auf flexibler Arbeitszeitbasis und das auf drei Jahre ausgeweitete Kindergeld. Von 170.000 bis 240.000 fehlenden Betreuungsplätzen war in der Vergangenheit die Rede, Haupt lässt sich auf keine Zahl ein, schätzt den Bedarf aber deutlich niedriger. "Da wurde oft mit Zahlen politische Agitation betrieben", betont Haupt im Gespräch.

Auch das Argument, die Regierung wolle Frauen zurück an den Herd drängen, lässt der Minister nicht gelten: "Man soll endlich aufhören, Frauen für dumm zu halten. Wenn sich eine Frau für Familie und Haushalt entscheidet, unterstützen wir sie. Es stimmt einfach nicht, dass all diese Frauen dazu gezwungen werden. Hat sie einen Job und will auf Kinder nicht verzichten, unterstützen wir sie auch. Das Kindergeld ist ein Garant für die Wahlfreiheit der Frauen."

Ländersache

Die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Arbeitswelt steht und fällt mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie - eine Binsenweisheit. Das Hauptproblem für Mütter ist die Kinderbetreuung, möglichst in der Nähe der Wohnung, mit geeigneten Öffnungszeiten und zu einem leistbaren Preis. Seit Jahren arbeitet die Politik an diesem Thema, aber wirkliche Lösungen zeichnen sich nicht ab. Vor allem deshalb, weil Kinderbetreuung Ländersache ist und die Interessen zu sehr variieren.

Die "Kindergartenmilliarde" - die in Wirklichkeit zwei Mal 600 Millionen Schilling war - hat wohl zu Verbesserungen geführt, nach wie vor besteht aber vor allem ein Problem: die Öffnungszeiten von Kindergärten bzw. Krippen müssen praxisgerecht und flexibel gestaltet werden, und das kostet Geld.

Probleme schafft auch das deutliche Gefälle zwischen Stadt und Land. Am Land funktioniert die Nachbarschaftshilfe wesentlich besser als in der Stadt, ist Haupt überzeugt. In der Stadt sind die öffentlichen Kindergärten überfüllt, private zu teuer. "Über zusätzliche Bundesmittel können wir mit dem Finanzminister sicher erst 2003 reden. Bis dahin brauchen wir Phantasie und guten Willen".

"Sich billig aus der Verantwortung stehlen"

Haupts Vorschlag ist für die Grünen "der Versuch, sich billig aus der öffentlichen Verantwortung für die Einrichtung von flächendeckenden Kinderbetreuungseinrichtungen hinwegzustehlen". Statt Sozialsponsoring für Kinderbetreuung anzudenken, sollte Haupt endlich den Vollausbau der Kinderbetreuungsplätze vorantreiben und nicht ständig den Bedarf daran kleinreden, forderte die stellvertretende Klubobfrau der Grünen, Madeleine Petrovic, am Sonntag in einer Aussendung.

Innerhalb der EU sei Österreich nämlich sowohl qualitativ (Öffnungszeiten, Zubringerdienste) als auch quantitativ im Schlussfeld bei Kinderbetreuungsplätzen", so Petrovic. Call Center seien bestenfalls nach dem Vollausbau für die Abdeckung von Spitzenbelastungen sinnvoll. Während bei einem Vollausbau mit Kinderbetreuungsplätzen Kinder wichtige Lernerfahrungen in einer professionell betreuten Gruppe machen könnten, würden sie über Call Center mit wechselnden Betreuungspersonen konfrontiert, was "höchst problematisch" sei. "Hinter Haupts Vorschlag steht die Ideologie, dass die häusliche Betreuung von Kindern die einzig richtige sei. Dass Vorschulbetreuung auch ein wichtiger Bildungsbestandteil ist, kommt dem Minister nicht in den Sinn", so Petrovic.

"Bittstellerposition"

Bezeichnend für die Einstellung Haupts zur außerhäuslichen Kinderbetreuung sei, dass er sie über Sozialsponsoring finanzieren wolle. "Der Sozial- und Bildungsbereich soll damit in eine Bittstellerposition gedrängt werden, während die repressiven Staatsfunktionen aufgestockt werden. Polizei- oder Militärsponsoring käme dieser Regierung nie in den Sinn", sagte Petrovic.

Eine flexiblere Wahrnehmung des Bedarfs wäre zweifellos notwendig, doch Call Center seien dafür das am wenigsten vordringliche Mittel. Sie seien bestenfalls nach dem Vollausbau für die Abdeckung von Spitzenbelastungen sinnvoll. Wesentlich notwendiger wären neben dem Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen ein Aufbau des Transportdienstes, was in Österreich noch nicht einmal angedacht worden sei. "Keine Problemlösung"

"Irgendwelche anonymen Call Center nur für Notfälle können das Problem bei der Kinderbetreuung ebenso wenig lösen wie es das Kindergeld kann", erklärte SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Doris Bures am Sonntag in einer Aussendung. Sie erteilte damit den entsprechenden Plänen von Sozialminister Herbert Haupt (F) eine Absage. "Empört" reagierte Bures außerdem auf den Versuch des Sozialministers, "das Betreuungsproblem klein zu reden, in dem er die Zahl fehlender Kinderbetreuungsplätze anzweifelt".

Die Rechnung dieser Regierung sei eben nicht aufgegangen: Wer gemeint habe, dass das Kindergeld den Ausbau von Betreuungseinrichtungen ersetzen kann, habe sich geirrt. Die Frauen seien heute längst nicht mehr bereit, ihren Beruf an den Nagel zu hängen, nur weil sie dafür mit 6.000 Schilling belohnt werden", so Bures. Die von Haupt behauptete Wahlfreiheit werde es erst dann geben, wenn auch tatsächlich ausreichend Kinderbetreuungsplätze zur Verfügung stünden.

Dem Sozialminister attestiert Bures außerdem auch in der Kinderfrage "Herzlosigkeit". Sein Vorschlag Call Center einzurichten, in denen man Kinder in Notfällen abliefern kann, zeuge einmal mehr von Haupts sozialer Kälte. Kinder brauchen Kontinuität und Vertrauen. Das kann aber nur durch qualitativ hochstehende Kinderbetreuungsplätze mit pädagogisch geschultem Personal garantiert werden. "Es liegt in der Verantwortung des Sozialministers dafür zu sorgen, dass diese Plätze endlich flächendeckend zur Verfügung gestellt werden", so Bures. (APA)

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