Abdul Raschid Dostum - Afghanischer Kriegsherr von zweifelhaftem Ruf

25. November 2001, 14:43
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Für den machtbewußten Usbeken sind Fronten zum wechseln da

Kabul - Der Wille zur Macht ist sein größter Antrieb: Um ihretwillen bewies Abdul Rashid Dostum immer ein Höchstmaß an ideologischer Flexibilität. Er machte mit den Kommunisten ebenso gemeinsame Sache wie mit islamistischen Hardlinern und der kapitalistischen Weltmacht USA. Am Sonntag nahm er laut der afghanischen Nachrichtenagentur AIP die wochenlang belagerte Taliban-Bastion Kundus ein. Etwa 2500 seiner Soldaten sollen mit der Entwaffnung von Taliban-Kämpfern begonnen haben.

Als Sohn einer mittellosen Arbeiterfamilie in der afghanischen Nord-Provinz Jowsian geboren, war Dostum vor allem dazu entschlossen, es im Leben zu etwas zu bringen. Der heute 47-jährige General gehört der Volksgruppe der Usbeken an, das in dem von Paschtunen dominierten Land fünf Prozent der Bevölkerung ausmacht. Nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afghanistan 1979 sah er seine Zukunft beim Militär und ließ sich dafür in der Sowjetunion ausbilden. Als er nach Afghanistan zurückkehrte, übernahm er die Führung der pro-kommunistischen Miliz und befehligte 20.000 Soldaten. Dostum wurde zum General befördert und für seinen erfolgreichen Kampf gegen die Mudschahedin und die Kommandeure der Guerilla mit der Auszeichnung eines "Helden der Republik Afghanistan" belohnt.

Als sich drei Jahre nach dem Abzug der Sowjets 1992 der ideologische Wind drehte, passte Dostum sich der neuen Richtung an. Er kehrte dem von Moskau eingesetzten Regime Mohammed Nadschibullahs den Rücken und bändelte mit seinem früheren Erzfeind, dem Mudschahedin-Kommandeur Ahmed Shah Masud an. Vorübergehend teilten sich die beiden Macht in Kabul.

Weil er sich beim Postenschacher schlecht bedient sah, schüttelte der untersetzte General 1994 alle Verbindlichkeiten gegenüber seinem Partner ab und wechselte noch einmal das Lager. Diesmal, um sich mit dem islamistischen Hardliner und Paschtunen Gulbuddin Hekmatjar zusammenzutun. Gemeinsam fochten sie einen erfolglosen und blutigen Kampf gegen Massud, bei dem große Teile der Hauptstadt Kabul zerstört wurden. Seit dieser Zeit der rücksichtslosen Plünderungen ist seine Miliz unter dem Namen "die Teppichdiebe" bekannt.

Staat im Staate

Nach seinem Scheitern im Kampf um die Vormachtstellung in Kabul räumte Dostum das Feld und zog sich in den Norden zurück, wo er die Kontrolle über sechs der 30 afghanischen Provinzen übernahm. Er gründete einen Staat im Staate mit eigener Währung, einem großen Flughafen, einer Universität und schwunghaften Handelskontakten zum Nachbarland Usbekistan. Die Zwei-Millionen-Stadt Mazar-i-Sharif erkor er zum Zentrum seiner absolutistischen Herrschaft über fünf Millionen Afghanen. Menschen, die vor dem radikalislamischen Regime der Taliban flohen, galt die Stadt als sicherer Fluchtort - obwohl Dostum für seine drakonischen Herrschaftsmethoden berüchtigt war: Straftäter ließ er in aller Öffentlichkeit an die Ketten eines Panzers binden und brutal zermalmen.

Im Ausland wurde Dostums Herrschaftsbereich als afghanische "Friedensinsel" betrachtet und der General als deren politischer Führer allerorten hofiert. 1995 empfing man ihn in London, Washington und New York mit protokollarischen Ehren als Staatsgast. In den glanzvollen Tagen seiner Herrschaft leistete Dostum sich einen Privatjet, eine kugelsichere Stretch-Limousine und investierte sein Kapital in einen Hotelkomplex in der Türkei.

Den Taliban war die Herrschaft des "betrunkenen Gottlosen" ein Dorn im Auge. Im Mai 1997 konnten die Taliban mit Hilfe des abtrünnigen Dostum-Alliierten Abdul Malik den "reinen Islam" auch in Mazr-i-Sharif durchsetzen und trieben den General ins türkische Exil. Malik war jedoch kein zuverlässiger Verbündeter. Kaum war Mazr-i-Sharif erobert, metzelte er die Taliban-Besatzung nieder und übernahm seinerseits die Nachfolge Dostums. Dem Thronräuber waren nur wenige Monate der Herrschaft vergönnt, denn im Oktober 1997 kehrte sein Gegenspieler aus dem Exil zurück und vertrieb den treulosen ehemaligen Gefährten. Zum zweiten Mal tat Dostum sich mit Massud zusammen und avancierte gemeinsam mit ihm zur zweitstärksten Kraft in dem Anti-Taliban-Bündnis der Nordallianz.

1998 wandte sich das Schicksal wieder gegen ihn. Seine eigenen Generäle fielen ihm in den Rücken und vertrieben ihn aus Mazar-Sharif. Erst mit seinem neuesten Verbündeten, den USA, gelang es Dostum, seine alten Pfründe im Norden Afghanistans wieder unter seine Kontrolle zu bringen. (APA)

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