Weint nicht um Harry P.!

25. November 2001, 13:35
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von Claus Philipp


Es ist schon bemerkenswert, wenn derzeit Kinder angesichts der Verfilmung von Harry Potter und der Stein der Weisen eine gewisse Trauer formulieren. In der Tat wurde ihnen wohl viel von ihren individuellen Vorstellungen ihres Lieblingshelden und der Vorgänge in der Zaubererschule Hogwarts geraubt. Dennoch ist es übertrieben, wenn nun geklagt wird, die Fantasie in und rund um Joanne K. Rowlings Bestseller-Serie hätte ihre Unschuld verloren. Unberührt von Erfolgsmustern und -strategien der Popkultur war sie nämlich nie.

Rowling denkt sehr wohl an die Interessen heutiger junger Leser. Sie nimmt also seit jeher Anleihen bei den Erzählmustern von Computerspielen und Kinohits. Harry Potter rast oft von einem Gefahrenlevel zum nächsten. Und der Kampf des elternlosen Jungmagiers gegen Lord Voldemort ähnelt nicht zufällig dem Konflikt in Krieg der Sterne: Luke Skywalker gegen Darth Vader - gut möglich, dass Voldemort sich am Ende auch als enger Verwandter des Helden erweisen wird.

Was an Rowlings Büchern bemerkenswert war und bleibt, ist der Charme und die fröhliche Unverfrorenheit, mit der die Autorin ihr Publikum zum Lesen verführt. Aber wahrscheinlich haben all die Eltern, die erfreut bemerkten, dass ihre Kinder - endlich! - lesen, Harry Potter ein bisschen zu sehr zur sakrosankten Weltliteratur hochstilisiert. Von vornherein war er für die jetzige Vermarktungswelle besonders geeignet. Und dass er jetzt im Kino eher wie ein Abziehbild seiner selbst wirkt, ist zwar schmerzlich, aber vielleicht zeitigt das bei den Jugendlichen zumindest eins: einen kritischeren Blick auf globale Verkaufs- und Produktionsmuster. Keine Angst: Die Kids werden weiterlesen. Bald erscheint Band fünf. Wer könnte schon vier Jahre warten, bis er zum Spielzeugladen umfunktioniert ist?

(DER STANDARD, Printausgabe vom 24./25. November 2001)

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