Weihnachtsglück mit Plastikbesen

25. November 2001, 14:24
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Pottermania - einen Hype so lange aufbauen, bis ihm niemand entkommt

Mit "Harry Potter und der Stein der Weisen" gelang Hollywood dabei der spektakulärste Erfolg seit "Titanic". Die Auswirkungen auf das Blockbuster-System sind unabsehbar.

Claus Philipp berichtet:


Wien - Vergesst Terror und Krieg. Folgende vier Nachrichten erschüttern gegenwärtig die Welt:

a) Ein zwölfjähriges deutsches Wunderkind plant die Komposition einer Harry-Potter-Symphonie.
b) Die Ausschreitungen taiwanesischer Christen gegen das Potter-Teufelswerk könnten noch ungeahnte Ausmaße annehmen.
c) Endlich, endlich ist auch Harry Potters Flugbesen Nimbus 2000 im Spielzeughandel erhältlich. Er kann zwar nicht abheben und ist aus Plastik, aber auf Knopfdruck gibt er Fluggeräusche von sich. Man kann mit diesem modernen Steckenpferd vortrefflich vom Harry-Potter-Trivial-Pursuit entspannen, um für die nächste Runde Harry Potter am Gameboy gewappnet zu sein.
d) Wer an diesem Wochenende ins Kino gehen will: Für Harry Potter gibt es bestenfalls noch Restkarten. Inzwischen können die Kinder aber auf Harry-Potter-Briefpapier an Harry Potter, oh, Verzeihung, an das Christkind schreiben, dass sie sich sämtliche Harry-Potter-Artikel wünschen. Das kostet, vom Lego-Bausatz über Sammelkarteneditionen bis hin zur Potter-Puppe in allen Formen, demnächst wohl eine geschätzte Million.

Interessiert sich zwischen diesen Frohbotschaften noch irgendwer für skeptische Zwischenrufe aus dem jugendlichen Zielpublikum? "Eigentlich fand ich es arg, dass man meine Lieblingsbücher verfilmt", hört man da immer wieder - "aber jetzt ist es halt schon passiert, und überall laufen die Trailer. Also werde ich mir den Film wohl doch anschauen."

100 Millionen Dollar Einspielergebnis in nur fünf Tagen: Das ist - bei jährlich erhöhten Kinokartenpreisen und einem ungewöhnlich flächendeckenden Kinoeinsatz - einmal mehr ein Rekordstart. Was er für das Gesamtgeschäft bedeutet, ist schwer abzuschätzen. Optimistische Experten schätzen, dass das Lizenzgeschäft aller sieben geplanten Potter-Filme in den kommenden zehn Jahren rund zehn Milliarden Dollar einspielen könnte. Wie man das Interesse der Massen in schnelllebigen Popkultur-Zeiten derart lange aufrechterhält, steht aber noch in den Sternen. Die ersten Investitionen des Konzerns und seiner Merchandising-Partner sind jedenfalls voll aufgegangen. Für die Filmrechte der ersten zwei Bände zahlte man rund 500.000 Dollar, eine Summe, die AOL laut Frankfurter Rundschau allein durch Lizenzvergaben rund um das Kinospektakel schon 200-mal wieder eingespielt hat. Der Film selbst soll rund 150 Millionen Dollar gekostet haben. Dieselbe Summe zahlte Coca-Cola, um weltweit mit dem von Joanne K. Rowling kreierten Zauberlehrling Eigenwerbung zu betreiben.

Live the magic! Interessanterweise betont der Getränkehersteller unter diesem Motto vor allem das Leseerlebnis. Aus der harschen Kritik, die AOL-Time-Warner anfangs aus Fankreisen entgegenschlug, haben die Konzerne schnell gelernt. Jetzt betont man die Liebe zum Buch: "Alles ist genauso, wie ich es mir vorgestellt habe", erklärt Joanne K. Rowling, der offene Kritik wohl auch vertraglich untersagt wäre. Regisseur Chris Columbus betont, dass ihm die Anregungen seiner kleinen Tochter und deren Detailkenntnis die wichtigste Inspiration waren. Es stellt sich jetzt nur die Frage, ob das Mädchen zwischen all den Potterabilien überhaupt noch zum Lesen kommt. Mittlerweile hat die Pottermanie Ausmaße erreicht, bei denen AOL-Time-Warner in Marketing-Maßnahmen nicht länger aktiv investieren muss.

Ähnlich wie bei Titanic können sich die Medien den Verzicht auf Potter-Schlagzeilen gar nicht mehr leisten. Das künstlich generierte Ereignis treibt seine Berichterstatter vor sich her: Jede noch so kleine Skurrilität im Umfeld der Bestsellerverfilmung wird dankbar ausgeschlachtet. Gleichzeitig sind selbst Händler von Produkten, die mit Harry Potter rein gar nichts zu tun haben, auf das Phänomen eingeschworen: In manchen Städten werden schon Schuhverkäufer gesichtet, in deren Auslagen kleine Zaubererpuppen für die passende Fußbekleidung für den Winter werben.

Wie schnell sich der ganze Zirkus wieder beruhigt, ist nicht vorhersehbar. Als wichtiges Indiz für die Zukunft der Potterisierung der Welt sieht die Branche den Filmstart der Tolkien-Verfilmung Der Herr der Ringe kurz vor Weihnachten. Rund um das auf drei Teile angelegte Fantasy-Epos hält sich die Marketing-Industrie auffällig zurück. Man prophezeit hier aber eine ähnliche Entwicklung wie bei Titanic. Der Ozeanriese hatte im Kino keinen spektakulären Start, legte aber Woche für Woche beharrlich zu. Der Rest ist (Erfolgs-)Geschichte.

(DER STANDARD, Printausgabe vom 24./25. November 2001)

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