Behagliche Ungeheuerlichkeiten

23. November 2001, 21:49
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Manfred Rumpls skurrile Anleitung, das Leben zu meistern

Der junge Mann mit dem altmodischen Vornamen Franz Maria ist nicht gerade ein strahlender Exponent der Fit-und-Fun-Generation. Mit seinen 160 Kilo und dem abgebrochenen Studium gehört er in die Kategorie der chronischen Verlierer, und doch ist dieser Franz Maria ziemlich gut drauf.

Denn endlich kann er sich sein Leben so einrichten, wie er möchte. Und das ging nur, weil - was für ein günstiger Zufall! - seine unguten Erzeuger bei einem Autounfall umgekommen sind. Franz Maria verlässt schleunigst das elterliche Villengefängnis in Graz, um sich in Wien in einer geerbten Wohnung häuslich niederzulassen. Das Viertel ist ziemlich heruntergekommen, das Haus in der Zirkusgasse eine Bruchbude, die absichtlich ruiniert wird, damit man die alten Mieter hinausekeln kann. Aber das ist Franz Maria egal. Die Hölle seiner Jugend liegt endlich hinter ihm, was noch kommt, kann nur besser werden.

Rumpl schildert in seinem seltsam bizarren Entwicklungsroman die böse Jugend eines Kindes aus gut situiertem Hause, das die Erwartungen seiner Eltern nicht erfüllen kann. Der Vater will, dass der Sohn studiert, die eiskalte Mutter will ein Renommierobjekt. Franz Maria frisst sich zum Monster, und als die Mutter ihm die nicht standesgemäße Freundin auf bösartigste Weise vertreibt, lässt er sich in das tiefe Loch einer jahrelangen Depression fallen. Franz Maria beginnt mit der großen Verweigerung; er bleibt einfach im Bett liegen, wird immer fetter und beobachtet das Verhältnis seiner Mutter mit dem absurden Psychiater, der Franz Maria aus seiner abgrundtiefen Verletzung holen soll. Der Franz Maria, der in Wien eine neues Leben beginnt, ist gleichwohl ein unverbesserlicher Optimist.

Es gibt nichts, was ihn aus der Ruhe bringen könnte. Nicht einmal die Entdeckung, dass die aufregende Dame, in die er sich verliebt hat, ein Transvestit ist. Wer sagt denn, dass man keinen Transvestiten lieben kann? Und der durchgeknallte Nachbar mit seinem Rottweiler und den glatzköpfigen Schlägern ist auch kein wirklicher Anlass, die Welt schlecht zu finden. Außerdem kann man sich ja noch immer auf die Suche nach der verlorenen Geliebten machen. Der gebürtige Steirer Rumpl hat ein Gespür für Skurrilitäten; hinterhältig-beschaulich erzählt er voll behaglicher Präzision Ungeheuerlichkeiten, die ob der freundlichen Verpackung beinahe überlesen werden.

Selbst eine kleine apokalyptische Vision, die Franz Maria in der Silvesternacht 2000 im Ausguck auf dem Riesenrad ereilt, wirkt geradezu gemütlich. "Trotzdem leben. Trotzdem lachen. Trotzdem lieben", denkt sich Franz Maria. Als wenn das so einfach wäre. Und: Wie kommt es, dass man von den letzten Sätzen der Zirkusgasse nicht wirklich schockiert ist?

(Von Ingeborg Sperl - DER STANDARD, Album, Sa./So., 24./25.11.2001)

Manfred Rumpl, Zirkusgasse. öS 291,-/EURO 21,15/238 Seiten. Reclam, Leipzig 2001

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