Claudia Roth - Therapeutin für die Seele der Grünen

23. November 2001, 21:29
1 Posting

Zu den Grünen kam Claudia Roth, obwohl sie die geforderten Kriterien nicht erfüllte. Per Inserat suchte die grüne Bundestagsfraktion 1985 eine Pressesprecherin. Die damalige Managerin der Anarcho-Rockband "Ton, Steine, Scherben" wurde genommen, obwohl sie nicht dem Anforderungsprofil entsprach. Das Argument: "Wer eine Rockband managen kann, ist für uns geeignet."

Auf dem Parteitag an diesem Wochenende soll Roth, die seit März gemeinsam mit Fritz Kuhn an der Spitze der Grünen steht, alle ansprechen: Auf ihre Überzeugungskraft kommt es an, ob die rot-grüne Koalition weiter besteht. Denn ein Nein zum Einsatz der deutschen Bundeswehr im Afghanistan-Konflikt wäre das Aus für diese Regierung. Auch das Schicksal von Außenminister Joschka Fischer hängt von der linken Parteichefin ab, die der abgeklärte Realo noch vor kurzem als "Heulsuse" verspottet hat.

Die Menschenrechtsaktivistin kann tatsächlich in Tränen ausbrechen, wenn sie über das Schicksal von Häftlingen in Todeszellen berichtet. Roth war es auch, die mit ihrer Forderung nach einer Feuerpause nach einem Besuch in Pakistan kürzlich die Regierung in die Bredouille brachte. Jetzt soll die häufig als "Therapeutin für die grüne Seele" geschmähte Grüne mit dosierter Emotion Kriegsgegner und Befürworter eines Militäreinsatzes zusammenbringen. Die frühere Europa- und Bundestagsabgeordnete mit dem Politschwerpunkt Soziales gilt als Geheimwaffe für den Kampf an der Basis.

Dabei, so gesteht die 46-Jährige ein, komme ihr Erlerntes zugute: Roth ist ausgebildete Dramaturgin. Bei der Berufswahl beschäftigte sie intensiv die Frage "Wie erreiche ich mit Theater Gefühle?" Nun ist sie im Polittheater gelandet. Mit Amtskollegen Kuhn stand sie schon im Memminger Landestheater auf der Bühne. Er spielte damals in einem Stück den "desertierten Soldaten", sie "das Volk".

Ihre Stimmungslage sieht man "Claudi" an den Farben ihrer Kleider an. In den Wochen nach den Terroranschlägen trug Roth fast nur Schwarz. Inzwischen ist sie wieder zu ihren Leuchtstofffarben zurückgekehrt, dazu färbt sich die Frohnatur gerne passend die Haare. Rot, Pink und Aubergine schimmerte ihr Kurzhaarschnitt beim Besuch der Festspiele in Bayreuth im Sommer.

Roth, die im wahrsten Sinne des Wortes als Umarmerin auftritt, hat ihre Wurzeln im Schwabenland. Die Eltern sind für die kinderlose, unverheiratete Frau ein wichtiger Bezugspunkt. Häufig teilt sie mit, was ihr Vater über politische Themen denkt, nach ihrer Kür zur Parteichefin grüßte sie ihre Mama via TV. Die Eltern, ein Zahnarzt und eine Lehrerin, hat Roth schon überzeugt: Sie wählen nicht mehr FDP, sondern Grün - trotz Militäreinsatz. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25.11.2001)

Alexandra Föderl-Schmid
Share if you care.