Feingliedriges und Deftiges

23. November 2001, 20:33
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Chamber Orchestra of Europe und Philharmoniker im Musikverein

Wien - Man hätte glatt darauf vergessen können, im Musikverein eigentlich einem mitteleuropäischen November ausgesetzt zu sein. Sonnendurchflutet die Werke, sonnengebräunt auch der Orchesterleiter. Nieselregen und Mieselsucht: vergessen für zwei Stunden. Der erste Lichtstrahl: Mozarts Symphonie in A-Dur KV 201. 1774 als eine der letzten der "Jugendsymphonien" komponiert, sind hier die Feinheit der Komposition, die kantablen Themen, die gekonnt gesetzten Showeffekte als schmackhafte Ingredienzien zu erwähnen.

Mit großer Finesse buk Nikolaus Harnoncourt den Klangkuchen, zart, luftig, und animierte das Chamber Orchestra of Europe zu einem feingliedrigen, wendigen Musizieren. Immer wieder fühlte man sich bei dem virtuosen Zusammenspiel Harnoncourts mit seinem zweiten "Hausorchester" an das Bild eines strengen Großpapas erinnert, der raubeinig herumpoltert, um danach seinem Schützling nur umso liebevoller den Kopf zu streicheln.

Nach Mozart Beethovens 1. Klavierkonzert: Den Beginn brachte Harnoncourt derart zart, derart verhalten, als ob er eigentlich gar nicht beginnen wollte: unerhört schön also. Keine Erleuchtung Pianist Pierre-Laurent Aimard. Die manische Manier des Franzosen - er wuselte in jedes Tönchen rein, als wär's sein letztes - passte beim Finalsatz noch ganz gut; im ersten und zweiten machte sie wenig Sinn. Zudem neigt Aimard zur klanglichen Einförmigkeit.

Eigenartig: In der 1. Symphonie Robert Schumanns machten Harnoncourt und das COE alles gut, alles richtig, und trotzdem fing die Sache ab dem 3. Satz an zu nerven. Sicherlich, Schumanns Ode an den Frühling ist an und für sich ein eher enttäuschendes Opus von sparkassendirektorialer Spießigkeit, bieder in der harmonischen, unauffällig in der melodischen Ausgestaltung. Nein, es waren einfach - auch so etwas kommt vor - Spielfreude und Gewandtheit zu groß, zu überbordend und nutzten sich so auf Dauer ab.

Gewandtheit, ja. Große Spielfreude, na, ja. Die Wiener Philharmoniker und Maestro Seiji Ozawa nahmen bei ihrem Brahms-Abend im Musikverein (als Präludium für die kommende Euro-Tournee) den melancholisch-wohltönenden Mittelweg. Das ergab beim 1. Klavierkonzert eine etwas gar behäbige Idylle, in die Pianist Stefan Vladar (statt Peter Serkin) solide, aber etwas stumpf klingende Romantizismen einbrachte.

Üppige Wunschkonzertsüße dann bei der 2. Symphonie. Ohne Überraschung, voraussehbar und routiniert schloss man im Finale mit Effekt. Also laut und deftig.

(end, tos - DER STANDARD, Sa./So., 24./25.11.2001)

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