Österreich frönt dem Alkohol

23. November 2001, 20:10
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Alkoholsucht zählt zu den am meisten verbreiteten Suchterkrankungen - Drogenkonsumenten werden immer jünger

Berlin/Wien - Trotz eines leichten Rückgangs beim Pro-Kopf- Verbrauch in den vergangenen Jahren erfreut sich Alkohol-Konsum in Österreich weiterhin ungebrochener Beliebtheit. Die Folgen werden oft unterschätzt, bagatellisiert oder einfach ignoriert: Rund fünf Prozent der Bevölkerung sind alkoholkrank, vier von zehn konsumieren mehr promilleträchtige Getränke, als medizinisch anzuraten ist.

Die Suche nach Wegen, um Jugendliche vor dem allzu frühen Kontakt mit Alkohol zu schützen, stand am Freitag im Mittelpunkt einer Expertentagung im Gesundheitsministerium in Wien. Nur knapp ein Viertel der Österreicher - rund 23 Prozent - sind Abstinenzler, das heißt, sie greifen höchstens einmal pro Quartal zu einem Gläschen Alkohol, so Gesundheitsstaatssekretär Reinhart Waneck (F) bei einem Pressegespräch anlässlich der Tagung. 22 Prozent trinken langfristig mehr, als aus medizinischer Sicht anzuraten wäre. "15 Prozent der Männer und fünf Prozent der Frauen erkranken im Lauf ihres Lebens an Alkoholismus und verkürzen damit ihre Lebenserwartung um 20 Jahre." Alkoholsucht zählt zu den am meisten verbreiteten Suchterkrankungen

Alkoholsucht gehört nach Aussage von Experten zu den am meisten verbreiteten Suchterkrankungen. Mit rund zehn Millionen Betroffenen liege Deutschland weltweit an der Spitze, betonte der Würzburger Facharzt Jobst Böning am Donnerstag auf dem Kongress für Psychiatrie und Psychotherapie in Berlin. Der volkswirtschaftliche Schaden dieser Sucht, die im Allgemeinen auch mit Nikotinmissbrauch einhergehe, liege bei jährlich rund 100 Milliarden Mark (51,1 Mill. Euro/704 Mill. S). Etwa 42.000 Menschen pro Jahr bezahlten ihren Alkoholkonsum mit dem Leben.

"Das entspricht den Menschenleben von drei vollbesetzten Jumbos täglich," sagte Böning. Diesen Zahlen stehe ein "irrsinniges Defizit" in der Ausbildung der Ärzte und damit auch in der Behandlung der Patienten gegenüber, kritisierte der Direktor des Mannheimer Zentralinstitutes für seelische Gesundheit und einziger Lehrstuhlinhaber für Suchtforschung, Karl Mann.

Einteilung nach Gruppen

Die Experten teilen die zehn Millionen Betroffenen in drei Gruppen: Rund zwei Millionen seien abhängig, bei etwa drei Millionen handle es sich bereits um Alkoholmissbrauch und bei der weitaus größten Gruppe von rund fünf Millionen stelle der Konsum bereits ein Lebensrisiko dar. Allein von den Abhängigen würden nur rund zwei Prozent in Fachkliniken behandelt und sieben bis acht Prozent beraten, erklärte Mann. Der weitaus größte Teil der dieser Gruppe, nämlich 80 Prozent, erscheine lediglich einmal im Jahr beim Hausarzt: "Das ist schon eine sehr schräge Verteilung."

Bei vielen Medizinern gelte auch heute noch die wissenschaftlich längst überholte Meinung, dass alkoholabhängige Menschen erst ganz tief unten sein müssten, bevor eine Therapie sinnvoll sei. Diese "fatalistische Grundhaltung vieler Ärzte" zeige sich auch in den Krankenhäusern. Deren internistische und chirurgische Abteilungen seien zu mehr als 20 Prozent mit Patienten belegt, deren Erkrankungen alkoholbedingt seien - sei es durch Unfälle oder Organschädigungen. Nicht einmal die Hälfte dieser Patienten jedoch werde richtig diagnostiziert, geschweige denn therapiert: "Viele Ärzte wissen nicht, dass schon eine richtige Diagnose und ein Beratungsgespräch zu nachweisbaren Verhaltensänderungen der Patienten führen kann", kritisierte Mann.

Einig waren sich die Experten darin, dass nur eine deutliche Änderung der Gesellschaft eine wirksame und langfristig anhaltende Vorbeugung erreichen könne.

Drogenkonsumenten werden immer jünger

Drogenkonsumenten werden in Deutschland laut einer Studie der Universität Bielefeld immer jünger. Bereits fünf Prozent der Zwölfjährigen würden regelmäßig Alkohol trinken, sieben Prozent regelmäßig Zigaretten rauchen, sagte der Jugendforscher Klaus Hurrelmann von der Fakultät für Gesundheitswissenschaften am Freitag. Damit habe sich dieser Anteil in den vergangenen zehn Jahren etwa verdoppelt.

Einen ähnlichen Anstieg verzeichnet Hurrelmann bei den illegalen Drogen. Für vier Prozent der 15-Jährigen gehöre der Konsum von Haschisch zum Alltag, etwa ein Prozentpunkt mehr als vor zehn Jahren. Der regelmäßige Konsum von Ecstasy sei im gleichen Zeitraum von "praktisch Null" auf vier Prozent geklettert. Laut Hurrelmann basieren die Ergebnisse der Studie auf einer repräsentativen Befragung von rund 2.000 Kindern und Jugendlichen.

Als Ursache für die frühen Erfahrungen mit Drogen sehen die Bielefelder Forscher vor allem ein mangelndes Selbstwertgefühl der Heranwachsenden. Der Grund für Drogenkonsum könne etwa in Konflikten mit den Eltern, schulischen Schwächen, fehlenden Kontakten zu Gleichaltrigen oder einer unklaren Zukunftsperspektive liegen, sagte Hurrelmann. (APA/AP/dpa)

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