Afghanistan-Gesandter der UNO dämpft Erwartungen an Bonner Konferenz

23. November 2001, 15:19
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Zu viel Misstrauen zwischen den einzelnen Volksgruppen

Islamabad - Der stellvertretende UNO-Beauftragte für Afghanistan, Francesc Vendrell, hat die Erwartungen an die Afghanistan-Konferenz bei Bonn gedämpft. Das Treffen der Vertreter verschiedener afghanischer Volksgruppen sei zwar "ein guter Start", sagte Vendrell am Donnerstag in Islamabad. Einen schnellen Durchbruch der Gespräche zur Bildung einer Übergangsregierung werde es jedoch nicht geben, da sie durch einen jahrelangen Konflikt belastet würden. Die Konferenz beginnt am Montag unter strengen Sicherheitsvorkehrungen auf dem Petersberg bei Bonn.

Zwischen den einzelnen Volksgruppen gebe es zu viel Misstrauen und sogar innerhalb der Gruppen herrsche nicht immer Einigkeit, sagte Vendrell. Er sprach sich dafür aus, dass eine "diskrete ausländische Präsenz" in der Übergangszeit nach dem Sturz der Taliban-Regierung für Ordnung in Afghanistan sorgen solle. Er gehe nicht davon aus, dass alle Afghanen eine Art internationale Schutztruppe ablehnen würden, sagte Vendrell. Wenn sie zwischen einer anderen ethnischen Gruppe und der ausländischen Präsenz zu wählen hätten, würden die meisten Afghanen sich vermutlich für letzte entscheiden. Überlegungen über die Entsendung einer UNO-Friedenstruppe bezeichnete Vendrell jedoch als verfrüht. Dazu müsse erst Frieden einkehren.

Vier afghanische Gruppen erwartet

Zu der von den Vereinten Nationen (UNO) veranstalteten Konferenz werden nach Angaben des Auswärtigen Amtes vier afghanische Gruppen erwartet. Neben der Nordallianz und Vertretern des früheren Königs Mohammed Sahir Schah würden auch Vertreter von Exil-Afghanen aus Zypern sowie Repräsentanten paschtunischer Stämme an dem Treffen teilnehmen. Die Zusammensetzung der Teilnehmer an den Gesprächen über die Zukunft Afghanistans gilt angesichts der ethnischen Vielfalt des Landes als entscheidend für die Stabilität und Legitimität einer politischen Lösung.

Die UNO ist für eine Regierung, die sich auf möglichst viele Volksgruppen stützen und auch die Interessen der Nachbarn berücksichtigen soll. Die Konferenz dient nach Aussage des Innenministers der Nordallianz, Junus Kanuni, in erster Linie der Bestimmung eines Führungsrates (Schura). Er sagte am Donnerstag in einem Reuters-Interview in Kabul, dieser Rat solle die Bildung einer auf breiter Basis stehenden Regierung überwachen.

Zu der Konferenz, deren Dauer unklar ist, wollen auch Vertreter der USA, Großbritanniens, Pakistans und Russlands anreisen. Die Gespräche sollen im Kreise der etwa 50 afghanischen Delegierten unter Vorsitz des UNO-Beauftragten Lakhdar Brahimi und seines Stellvertreters Vendrell stattfinden. (APA/Reuters)

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