Der Aufputz der Klatschspalten

23. November 2001, 16:34
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Wie ein Hund, der einen ihm hingeworfenen Knochen nicht loslässt, in der Hoffnung, er werde schon noch Fleisch ansetzen, kiefelt das Imperium der Fellners ...

... nun schon die zweite Woche am Privatleben zweier von Schwechat nach Buenos Aires ausgewanderter Privatleute, in der Hoffnung, aus der verflossenen Bekanntheit des männlichen Teils lange nach dessen erzwungenem Abschied von der Macht ein wenig Auflage zu quetschen. Klima: Ehe vor dem Aus - Starb mit der Macht die Liebe? vermeldete "NEWS" vorige Woche.

Auch wenn das Magazin die von ihm aufgeworfene Frage nicht beantworten konnte, erwies sich die Geschichte als beinhart recherchiert. Von NEWS mit den Ergebnissen der Recherchen konfrontiert, beschwichtigt Viktor Klima: "Da wissen Sie offensichtlich mehr als ich. Ich bin gewohnt, mit Gerüchten leben zu müssen." Und die Frau des Beschwichtigers ergänzte. Sonja Klima erreichten wir telefonisch im fernen Argentinien. Sie verweigerte telefonisch die Auskunft. Wie sonst? Ein Top-Advokat antwortete auf die Frage, ob er bereits zurate gezogen worden sei: Ich bin nicht in Kenntnis einer bevorstehenden Scheidung oder in Besitz eines Mandates. Immerhin ergab sich als Basis der Recherche, dass in der Umgebung des Exkanzlers eine unfrohe Kunde die Runde gemacht habe, woraus die Reporter des heimischen Mediensatans messerscharf den Schluss zogen: Irgendwo zwischen Wien und Buenos Aires scheint die Liebe verloren gegangen zu sein.

Geographisch gäbe es da viele Möglichkeiten, aber ehe sie noch erwogen werden konnten, drängten sich gemeinsame Freunde der Klimas auf, um ihren Gefühlen "NEWS"-gerecht Ausdruck zu verleihen: Es tut mir unsagbar leid. Die Unsagbarkeit nahm die Form eines Interviews mit einer anonymen Freundin an, die das Leben kennt: Das sind die Männer! Die verlieben sich halt immer wieder. Und die Frauen leiden dann. Oft aber - laut "NEWS" - auch schon vorher: Ihm zuliebe lernt sie sogar das Segeln. Ein Hobby, das sie im Grunde ihres Herzens langweilt.

Ein paar Tage später erschien "Format", die beinharte Konkurrenz, und meinte zur Berichterstattung des Schwesterblattes: Mit den Gerüchten über die bevorstehende Scheidung ist der Ex-Kanzler endgültig zum Aufputz der Klatschspalten geworden. Dieses klarsichtige Urteil hinderte "Format" aber keineswegs, die Geschichte unter dem geradezu gespenstisch geistreichen Titel Hasta la Viktor auf Klatschspalten-Niveau weiterzuziehen: "Klima: Ehe vor dem Aus", lautete die Schlagzeile von "NEWS", die ihm telefonisch durch mitfühlende Freunde hinterbracht wurde, hieß es da, womit der Fellnersche Lesezirkel geschlossen war. Auch Belehrung fehlte nicht: 11.774 Kilometer, die Entfernung zwischen Wien und Buenos Aires, sind eine Tagesreise für den Flugpassagier, aber nur ein Augenblick für ein Gerücht.

Und ebenso wenig fehlte Klartext. Im Klartext: Viktor Klima soll mit einer Neuen durchgebrannt, Sonja schon zuvor einem Reitlehrer erlegen, die Scheidung nur noch eine Frage der Zeit sein, heißt es in der Wiener Gerüchteküche. So viel Klartext erfordert auch eine Moral: Es ist nur die logische Konsequenz einer Karriere, die durch ein Höchstmaß vermarkteter Intimität geprägt war. Früher hätte man gesagt, wer sich mit Hunden ins Bett legt, steht mit Flöhen auf. Aber das war noch die Zeit, als die Anstifter und Profiteure der vermarkteten Intimität im Nachhinein wenigsten nicht den moralischen Zeigefinger über den Vermarkteten schwangen.

Diese Woche nun zog "NEWS" die Geschichte weiter, ohne auch nur das Quäntchen einer Neuigkeit vermelden zu können. Dabei begann es viel versprechend. Wegbegleiter des vormaligen Traumpaares der europäischen Sozialdemokratie (nein, nicht Bruno Kreisky und Willy Brandt, noch immer die Klimas) meldeten sich im NEWS-Tower. Die einen, um Anteil nehmend Details zu ermitteln. Die anderen, um welche nachzureichen. Es können aber nicht viele gewesen sein, denn was diesmal geboten wurde, war nur die exakte und über weite Strecken wörtliche Wiederholung des Tratsches der Vorwoche.

Dieser Flop sollte den Lesern mit einem Gratis-Schoko-Adventkalender versüßt werden, und wieder ging etwas schief. Ein veraltetes Wettbewerbsgesetz aus der Nazizeit verbietet uns, Zugaben gratis zu verschenken und zwingt uns, einen Aufpreis zu verlangen. Diese bösen, bösen Nazis - nicht einmal gratis dürfen die Fellners einen Trostpreis verschenken! Jetzt könnten sich die Klimas aber wirklich bald scheiden lassen - oder muss sich erst "Woman" der leidigen Affäre annehmen? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.11.2001)

Von Günter Traxler
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