"Vorbild" Belgien: Rechte Flamen, arme Wallonen

23. November 2001, 10:25
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Hier konzentriert sich der Siegeszug der Rechtspopulisten auf Flandern

Brüssel/Wien - Der "Cordon Sanitaire" steht. Mit den Rechtspopulisten des Vlaams Blok wollen die anderen belgischen Parteien nichts zu tun haben: keine Koalition, keine Kooperation. Den starken Mann im Blok, Filip Dewinter, nennt der belgische Sozialminister Frank Vandenbroucke einen "perfekten Nazi". Der Blok-Fraktionschef im flämischen Parlament selbst hält sich für "weit radikaler" als seinen entfernten österreichischen Gesinnungsverwandten Jörg Haider. Zum rechten Kongress des Publizisten Andreas Mölzer vor zwei Wochen auf Schloss Kranichberg reiste Dewinter trotzdem - oder deswegen - gerne an.

Der Rechtspopulismus in Belgien ist jedenfalls ein fast rein flämisches Phänomen. In der französischsprachigen Wallonie spielen rechte Parteien wie "Front National" so gut wie keine Rolle. Auch in der Region Brüssel macht der Blok keinen Stich. Im flämischen Parlament hält er dafür 22 der 124 Sitze. In seiner Hochburg Antwerpen, der zweitgrößten Stadt Belgiens, erreichte er bei den Regionalwahlen im Oktober 2000 sogar knapp 33 Prozent und ist damit stärkste Fraktion.

Hinzu kommt, dass auch andere Parteien in Flandern - wie die CD&V - einen streng nationalistischen Ausgrenzungskurs gegenüber allem Nichtflämischen fahren. Die Linie zwischen der Ablehnung des Französischsprachigen und der Ablehnung alles Ausländischen ist da manchmal fließend. Zudem neigen viele traditionelle flämische Nationalisten dazu, ihre Kollaboration mit den Nazibesatzern im Zweiten Weltkrieg, wenn nicht zu beschönigen, so doch zu herunterzuspielen.

Warum erscheint aber gerade der Vlaams Blok allen so unappetitlich? In ihrem fremdenfeindlichen "70-Punkte-Programm" von 1992 propagierte die Partei eine ethnisch homogene Gesellschaft für Flandern. Mittlerweile wurde die Diktion zwar ein wenig abgemildert, doch die Ideen schweben weiter in den Köpfen der Anhänger.

Doch so extremistisch er ist: Der Blok ist nicht ausschließlich das Sammelbecken für die Stimmen der vereinten Radikalnationalisten und Rassisten Flanderns. Die Mehrzahl seiner Wähler dürfte einfach zur Gruppe der Modernisierungsverlierer und ewig Unzufriedenen gehören. Dabei ist aber auffällig, dass es gerade der Region Flandern wirtschaftlich sehr gut geht. Ökonomisch im Rückstand sind die Wallonen, die sich trotzdem offenbar weniger für rechte Ideen begeistern.

An der Ausländerquote kann es auch kaum liegen: Sie liegt in Belgien zwar bei fast zehn Prozent. Die Ausländer sind freilich zu einem Gutteil Europäer: 60 Prozent von ihnen stammen aus der EU. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. November 2001)

Von Jörg Wojahn
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