Keine Details - welches Stück?

22. November 2001, 21:00
20 Postings

Ein Kommentar von Heide Schmidt zum "täglich vorgeführten Schauspiel mit dem Titel 'Temelin'"

Opportunismus, Absurdität, Feigheit, Wortbruch, Unverschämtheit - das sind nur einige der Assoziationen, die mir angesichts des täglich vorgeführten Schauspiels mit dem Titel "Temelin" in den Sinn kommen.

Der wesentliche Punkt daran ist, dass mit dem Titel des Stücks suggeriert werden soll, es ginge um den Kampf gegen das Atomkraftwerk. Das könnte ich zwar gerade noch den Grünen abnehmen, halte aber ihren Umgang damit für keine reife Leistung einer ernst und regierungsfähig zu nehmenden politischen Partei.

Die SPÖ, die sich als Alternative nach dem hoffentlich enden wollenden Zwischenspiel der schwarzblauen Koalition aufbauen soll, verliert sich in Opportunismen und hat nicht den Mumm, klare Worte zu sprechen, etwa wenn der Landwirtschaftsminister zu Recht auf die seinerzeit ausgehandelte freie Entscheidung jedes Landes bezüglich der Erzeugung von Kernenergie hinweist. Wie schon zu Regierungszeiten bei anderen Themen fährt sie opportunistisch in FPÖ-Spuren, gibt dem Kurs einen anderen Namen und glaubt damit schlaumeierisch überholen zu können.

Die ÖVP hingegen spielt einfach mit verteilten Rollen - der eine droht mit Veto-Karten im Ärmel, der andere versichert, sie würden nicht gezogen, der dritte interpretiert dies als gemeinsame Linie.

Sie alle spielen das von der FPÖ auf die politische Bühne gebrachte Stück "Temelin" mit, obwohl sie genau wissen, dass es nur eine Ablenkungsinszenierung ist. Das eigentliche Stück heißt nämlich "Verhinderung der EU-Erweiterung" und ist eine handfeste Mischung aus anti-tschechischen Reflexen, anti-europäischen Bestrebungen, Rachsucht und Provinzialität. Zu Recht befindet sich die Reputation Österreichs in der EU in einem Abwärtsgefälle. Das hängt leider - wenn auch nur zu einem geringeren Teil - auch damit zusammen, dass die Opposition in wesentlichen europarelevanten Fragen nicht in der Lage ist, ein Gegengewicht zur Regierung zu entwickeln. Dies würde nämlich nicht nur unser Bild bei unseren europäischen Partnern verbessern, sondern vor allem in Österreich der Diskussion eine neue Wende geben.

NACHLESE
--> Autoritäre Reflexe und kein Ende!
--> Nationalfeiertag, aber bitte anders!
--> Die unerträgliche Leichtigkeit der Manipulation
--> Offene Gesellschaft?
--> Es ist nicht Krieg
--> Es gibt auch ein geistiges Faustrecht
--> Die Ersatzdiskussion – diesmal am Beispiel Schule
--> Das hohe Ross des Herrn Dr. K.
--> Mehr Wahrheit in die Redaktionsstuben!
--> Die Ehre der Waffen
--> Appell, sich wenigstens dem Sprachbetrug zu verweigern
--> Das zynische Ablenkungsmanöver
--> Zurück in die Vergangenheit
--> Das Sein bestimmt die Bereitschaft zum Bewusstsein
--> Ist Wien anders?
--> "Bitte einmal rechtzeitig
--> Die unerträgliche Leichtigkeit der Demontage
--> Die Selbstbestimmung, die sie meinen

"Fremde Feder" ist eine Kolumne auf derStandard.at für Kommentatoren von außen.
Share if you care.