Das gleiche Kriegsziel - Von Gudrun Harrer

22. November 2001, 18:39
posten

Bin Laden und Saddam haben eines gemeinsam: Den Wunsch nach ABC-Waffen

Klarer, als es der frühere saudische Geheimdienstchef (und Taliban-Vertraute) Prinz Turki laut New York Times gesagt hat, kann man es nicht ausdrücken: "Wenn ihr Saddam Hussein ins Visier nehmt, wird niemand Buh schreien oder pfeifen", wurde er zu den Spekulationen zitiert, dass der Irak das nächste Ziel im US-Antiterrorkrieg sein könnte. Aber ein Bombenkrieg `a la Afghanistan inklusive Kollateralschäden würde die arabische und islamische Welt gegen den Westen aufbringen.

Tatsächlich ist jetzt, da sich das Taliban-Regime in Afghanistan dem Ende zuzuneigen scheint - womit eines der Kriegsziele erreicht wäre -, wieder der Irak auf dem Tapet. Nicht dass sich Gerüchte über eine Verbindung zwischen dem Terrornetzwerk Osama Bin Ladens und Saddam Hussein wirklich durchgesetzt hätten, auch Prinz Turki verweist sie ins Land der Fantasie. Aber die "hidden agenda", das versteckte Ziel, über das nicht groß geredet wird, verbindet den jetzigen Krieg in Afghanistan mit dem Golfkrieg 1991, der ja nach weit verbreitetem Verständnis mit Saddams Verbleib an der Macht "unvollendet" blieb: Bei beiden geht (ging) es vor allem darum, eine für den Westen gefährliche Gruppe von Menschen - ein aggressives Regime beziehungsweise eine Terrororganisation - daran zu hindern, sich Massenvernichtungswaffen zuzulegen.

Die Prognose fällt nicht schwer, wie eine Eskalation, die zu einem amerikanischen Angriff auf den Irak führt, aussehen könnte: Ende November steht wieder die Verlängerung des "Öl für Nahrungsmittel"-Abkommens zwischen UNO und dem unter Embargo stehenden Irak an, eine Regelung, die die USA bereits im Frühjahr durch ein anderes Konzept ersetzen wollten, was vom Irak erfolgreich unterlaufen wurde. Bei den vorgeschlagenen "smart sanctions" ging es typischerweise um die Frage, wie man unterbinden könne, dass der Irak Material für seine vermutete Waffenproduktion importiert. Anlässlich des Verlängerungstermins von "Öl für Nahrungsmittel" wird nun Washington voraussichtlich verlangen, dass die UNO ihre im Dezember 1998 abgebrochenen Waffeninspektionen wieder aufnimmt - US-Präsident George Bush hat Mitte Oktober bereits eine entsprechende Bemerkung gemacht. Und der Irak wird - selbstverständlich - ablehnen, Iraks neuer Außenminister Naji Sabri al-Hadithi machte dies soeben in einem Interview mit al-Hayat klar. Ebenfalls in al-Hayat war dieser Tage übrigens auch zu lesen, dass Saddams Sohn Qusay, längst der zweitmächtigste Mann im irakischen Staat, nun auch berechtigt ist, die persönliche Post seines Vaters zu bearbeiten - für den Fall, "dass dieser abwesend ist". Abwesend, ob das tot oder versteckt heißt, das ist die Frage, jedenfalls scheint sich das Regime in Bagdad auf alle Eventualitäten einzurichten.

Manche Beobachter glauben schon den Termin für einen Irak-Krieg zu wissen - Mitte Jänner, ganz wie 1991. Wahrscheinlicher ist, dass die Sache noch nicht entschieden ist. Das von Prinz Turki angesprochene Dilemma ist groß, zumindest offiziell würde die Antiterrorkoalition der USA mit den arabischen Staaten an einem Irak-Feldzug zerbrechen, auch wenn sie Saddam Hussein noch so hassen und fürchten. Andererseits würde sich die Lage nach einer erfolgreichen Beseitigung Saddams (und seines ganzen Regimes, sonst hat das Ganze keinen Sinn) auch schnell wieder beruhigen. Wie es im Irak selbst weitergehen soll, weiß man freilich noch nicht.

Ein schöner Hinweis auf den schizoiden Zustand der arabischen Welt, was ihr Verhältnis zu den USA betrifft, kam diese Woche von einer Umfrage in Kuwait: 82 Prozent verurteilen den Afghanistan-Krieg, nur ein Drittel meint, Bin Laden sei ein Terrorist. Eine schöne Ohrfeige haben die USA von den von ihnen 1991 Erretteten da ausgefasst. Sie wird nicht verträglicher dadurch, dass die Umfragewerte zu Saddam, dem Schänder Kuwaits, gewiss anders ausfallen würden.

(DER STANDARD, Print- Ausgabe, 23. 11. 2001)
Share if you care.