Stationen einer Nervenkrise

22. November 2001, 23:03
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Tanz-Nostalgie: Bert Gstettner und das Theater Homunculus

Wien - Das Finden außergewöhnlicher Aufführungsorte gehört zur Spezialität von Bert Gstettner und seinem mobilen Tanz*Hotel, das sich nun bis 1. Dezember im gut geheizten Kellergewölbe des Schottenstifts (Vienna Art Center) mit Station*Corpus einquartiert hat. Zur Erfrischung der Sinne wird zunächst zur Salzgurken-Verkostung eingeladen. Dann lotsen zwölf Performer durch das Labyrinth, mischen sich unter das Volk, reiben sich an den kahlen Wänden, locken in düstere Nischen und skandieren Titel aus dem Tanztheater-Oeuvre Pina Bauschs. Das skurril angelegte Stationendrama steht ganz im Zeichen des Körpers; Bildmontagen zeigen ein Gewirr von bunten Nervensträngen.

Zum visuellen Höhepunkt gerät das Bankett mit dem "Ballett der Körperteile": Auf einem langen Tisch tanzen Zungen, Finger, Ellenbogen, Knie im Takt zu Robert Spours maschinellen Klängen. Die Fragmente wachsen schließlich zusammen, aus dem Dunkel streben verzückte Wesen empor: Tänzer, die das Finale als stramm agierendes Corps de ballet bestreiten.

20 Jahre Tanztheater Homunculus werden im WUK gefeiert. Zwecks Jubiläum hat das Choreographen-Duo Manfred Aichinger und Nikolaus Selimov Erfolgsstücke aus den 90ern wieder aufgenommen.

Mit dem Zeitgeist spielt How to Kick Silence (1996), das sich in komprimierterer Form und mit teils neuen Interpreten präsentiert. Themen wie Stille, Einsamkeit, Sinnesverlust manifestieren sich in langen Bildeinstellungen, aber auch in fix choreographierten Passagen, die nicht nur das Streben nach Harmonie verdeutlichen, sondern auch Aggressivität. Ab 28. November ist dann die Wiederaufnahme von Oh, it's Vienna! (1995) zu sehen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 11. 2001)

 Von
 Ursula
 Kneiss


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