Märkte immer noch unterbewertet

23. November 2001, 23:23
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Invesco-Chefvolkswirt erwartet dauerhaften Anstieg der Börsen jedoch erst bei Konjunkturerholung

Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt bei INVESCO in Frankfurt, über erfolgreiche Anlagestrategien für das Jahr 2002. Derzeitiger Kursanstieg ist eine Reaktion auf die starke Unterbewertung der Märkte.

e-fundresearch / Frankfurt: Die Kursgeinnen an den Börsen in den letzten Wochen kamen für viele überraschend. Ein "Strohfeuer" oder von Konjunkturdaten getragen?

Krämer: "Ich glaube nicht, dass der Kursanstieg an der konkunkturellen Lage liegt. Sowohl die Wirtschaft in Europa als auch in den USA befindet sich noch immer im Abschwung. Die USA befinden sich bereits in einer Rezession und das Risiko in Europa ist real.

Der Aufschwung an den Aktienmärkten liegt vor allem daran, dass die Märkte schon vor dem Anschlag unterbewertet waren. Nicht moderat, sondern signifikant, um bis zu 30 Prozent. Das hat natürlich die 'Schnäppchenjäger' angelockt. Hinzu kommt, dass der Krieg in Afganistan sich besser entwickelt hat, als erwartet. Aber an der Konjunkturfront können wir noch keine positiven Nachrichten ausmachen."

Märkte immer noch unterbewertet

e-fundresearch / Frankfurt: Ist es für Anleger jetzt zu spät, noch in den Markt einzusteigen? Sind die Bewertungen an den Börsen nicht schon wieder zu hoch?

Krämer: "Die Bewertung ist hoch, wenn man sich einfache Kurs/Gewinn-Verhältnisse ansieht. Mann muss die KGVs jedoch in Relation zu den stark gefallenen Renditen bei Anleihen setzen. Wenn man das tut, dann kommt man zum Ergebnis, dass die Märkte in Europa im Verhältnis zu den Anleihen noch immer signifikant unterbewertet sind.

Die Fundamentaldaten der Wirtschaft verschlechtern sich jedoch noch weiter, da wir in einer Rezession sind. Die Unternehmensgewinne werden also noch weiter fallen. Wir rechen damit, dass die Aktienmärkte dauerhaft erst zu steigen beginnen, wenn auch die Konjunktur wieder anzieht. Dann ist der Zeitpunkt im großen Stil wiederin die Aktienmärkte zu investieren. Was wir jetzt sehen, ist eine Reaktion auf die starke Unterbewertung der Märkte."

Noch keine dauerhafte Aufwärtsbewegung an den Märkten

e-fundresearch / Frankfurt: Nehmen die Aktienmärke die Erholung der Konjunktur nicht meist vorweg?

Krämer: "Die Märkte nehmen diese Erholung historisch etwa sechs Monate vorweg. Aber wir sehen den Aufschwung in den USA erst im dritten Quartal des nächsten Jahres. Daher erscheint mir diese Kursentwicklung zu früh zu sein. Ich glaube nicht, dass dies eine Aufwärtsbewegung bei Aktien ist, die über mehrere Quartale anhält. Wir bei INVESCO rechnen damit, dass wegen der fallenden Gewinne, die Erholung an den Märkten bald zum Stillstand kommt und die Indizes etwas fallen. Wir glauben aber nicht, dass wir die Tiefstände vom 21. September wieder sehen werden."

e-fundresearch / Frankfurt: Wir werden also weitere Gewinnwarnungen und Enttäuschungen bei Unternehmen auch am Jahresende sehen?

Krämer: "Absolut! Dieser Prozess ist noch nicht vorbei. Die Unternehmensgewinnen fallen so lange, wie die Wirtschaft im Abschwung ist. Erst wenn die Wende bei der Konjunktur eintritt können die Unternehmen ihre Gewinne steigern. Erst dann ist der fundamentale Boden für einen über mehrere Quartale anhaltenden Aufschwung an den Märkten geschaffen."

In Kooperation mit

Das Interview mit Dr. Jörg Krämer ist auch als Audio- bzw. Video-File abrufbar.

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