Trinken ist Politik

22. November 2001, 16:00
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Wein will gefördert, beschützt, exportiert werden. Mit unterschiedlichen Ergebnissen

Wein ist so etwas Ähnliches wie die manifestierte Lebenskultur des Okzidents. Das klingt jetzt natürlich hochtrabend, tatsächlich definiert er aber weite Bereiche der Nahrungs- und Genusskultur zum nicht geringen Teil, er beschäftigt weltweit nicht gerade wenige Menschen mit Produktion, Verkauf und Marketing, sein Anbau nimmt sehr viel Platz in Anspruch. Und er ist imperialistisch: Die Römer überzogen die Heiden Europas mit Reben, die spanischen Mönche bezwangen die amerikanische Steppe mit Weinstöcken, die Nazis bestimmten, was edle, deutsche Reben zu sein haben und was nicht, Letzteres wurde verboten, weil es unedel sei und der Volksgesundheit schade. Wein und Politik waren sich also noch nie so wirklich fremd, Beispiele von Beeinflussungen oder Naheverhältnissen auch aus der jüngeren Geschichte ließen sich endlos aufzählen.

Ein aktuelles Beispiel war vorigen Sommer im südfranzösischen Languedoc zu beobachten: Die kalifornische Wein-Ikone Robert Mondavi, seit einigen Jahren mit internationalen Joint-Ventures recht erfolgreich, wollte Wein im Ort Aniane, nördlich von Montpellier, erzeugen. Die zuerst geplante Übernahme des dortigen Topbetriebs "Mas de Daumas" scheiterte daran, dass der Besitzer bei der Unterzeichnung plötzlich das Doppelte verlangte. Und die Errichtung eines eigenen, neuen Weinguts in der Nachbarschaft fiel einem spontan auftretenden Umweltbewusstsein des neu gewählten Gemeinderates zum Opfer, der das Wohl der Bäume und der Tiere der Region durch "schamlosen Kolonialismus" bedroht sah. Dass sich da unter dem Mäntelchen des Umweltschutzes und der Globalisierungsgegnerschaft auch ein bisschen Antiamerikanismus und wirtschaftliches Kalkül verbarg, könnte der unbedarfte Beobachter zumindest vermuten. Mondavi zog sich jedenfalls von dem Projekt zurück.

Eine andere Krisensituation im Wein-umfeld hatte einen besseren Ausgang: 1991 streikten die Lesearbeiter im südspanischen Jerez während des Einbringens der Palomino-Trauben. Was George T. Sandeman zum Entschluss verleitete, doch einmal zu schauen, wie sich eine höhere Reife bei den eher neutralen Trauben für den Sherry so mache. In den folgenden zwei Jahren war die Trockenheit zu groß, als dass sich eine Spätlese ausging, 1994 bekam man dann aber sechs Fässer voll, nach drei verschiedenen Stilen vinifiziert. Diese "Cosecha tardía" soll von nun an ein kleiner, aber edler Bestandteil des Sherry-Hauses sein, die Weine zeichnen sich neben der typischen Sherry-Note (Oxidation und Aufspritung) durch eine kräftige Säure und einen höheren Restzucker aus. Eine ungewöhnliche, wenngleich nicht unangenehme Folge des Arbeitskampfes.

derStandard/rondo/23/11/01

von Florian Holzer
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