Ende des Regenbogens

23. November 2001, 10:33
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Rock-Veteran Mick Jagger hat nach seiner Scheidung und vor einer im nächsten Jahr wieder über die Welt kommenden Tournee mit den Rolling Stones das Soloalbum "Goddess In The Doorway" veröffentlicht. Fritz Ostermayer gibt sich entsetzt

"So now we're on a death trip,
listen to the blood drip,
ever thought of dying slowly,
ever thought of dying totally unholy."
Cockney Rebel, 1973

So weit kann es also kommen, wenn einem selbst die Gnade eines frühen Rock'n'Roll-Todes nicht zuteil wurde und man deshalb als grauschädeliger Fourty-Something noch immer im Poprevier herumstreunt: Aus "Mitleid" oder "Ehrfurcht vor dem Alter" - was ohnehin auf dasselbe hinausläuft - melden sich dann Jungredakteure, denen der klassische Offenbarungseid "Beatles oder Stones?" so wurscht ist wie mir ein upgedatetes "Britney Spears oder Christina Aguilera?". Sie begehren "eine Rondo-Story über Mick Jagger und seine neue CD . . . ungefähr 7000 Zeichen." Allmächtiger! Wozu bin ich die letzten 30 Jahre auf schier jeden Zug aufgesprungen, wenn mich am Ende wieder der Anfang einholt? Vielleicht, um dem Tod doch noch ins Auge zu schauen - nicht dem pathetisch aufgeladenen der "It's better to burn out"-Romantiker, sondern schlicht dem langsamen Absterben der "Fade away"-Seniorenrocker.

Alsdann: Wer spricht, wenn einer singt "God Gave Me Everything"? Natürlich ein Mann-Mann, von seinem Gott immer schon mit zu vielen Y-Chromosomen im Hirn gesegnet und daher immer schon den Mega-Gockel bis zur Selbstparodie gebend, freilich eine seiner selbst gar nicht bewusste Selbstparodie, weil blind vor Narzissmus und bar jeder erlösenden Selbstironie. Es spricht ein 58-jähriger Rock-Bonze, von dem es heißt, dass er die Frauen nicht nur vom Hörensagen kennt, der sich aber noch immer kein anderes Bild von ihnen machen kann als das stammtisch-mythologisch frauenfeindliche von Heiliger und Hure. Im schlimmsten Fall verschmelzen auch noch diese beiden zu einer Kitsch-Ikone. Heraus kommt ein CD-Titel, so verschwitzt wie ihn sich weltweit nur mehr ein Ober-Stone ausdenken kann: "Goddess In The Doorway".

Nicht allein zur Erheiterung, sondern auch zwecks Einsicht in ein multi-millionärrisches Lyrikschaffen lassen wir uns ein paar Verse aus dem Titelsong auf der lüsternen - Achtung, Anspielung! - "Zunge" zergehen: "Demons in the bedroom, dogs are on the roof, I am in the basement, looking for the truth." Der Letzte, den das Leben derart beutelte, dass er vor Schlafzimmer-Dämonen und Dach-Hunden in den Keller flüchten musste, hieß wohl Robert Johnson. Während jedoch der große Bluesmann vom Leibhaftigen selbst geritten wurde, ist der alte Lebemann Jagger nur wieder einmal auf der Flucht vorm Ewigweiblichen, das ihn hinan- und also hinabziehen will. Vor diesem gibt es - Anziehung/Abstoßung! - jedoch naturgemäß kein Entrinnen. Also Flucht nach vorn: "I'm searching for your temple, hunting for your shrine, I'm looking for a vision by a neon sign." Unglaublich: Aus derselben Feder soll laut Autoren-Credits zumindest zur Hälfte "She's A Rainbow", eines der schönsten Liebeslieder des 20. Jahrhunderts, stammen?!

Warum hier aber überhaupt solch prä-senile Pennälerlyrik der verdienten Lächerlichkeit preisgeben? Weil sich in dieser armseligsten Klischeeschreibe das ganze Elend würdeloser Altrocker offenbart. Wobei jedoch nichts gegen würdeloses Altern an sich gesagt sei, ganz im Gegenteil: In Würde altert heutzutage ja sowieso schon jeder Sting. Das Tragödchen beziehungsweise die Tragikkomödie der meisten historisch verdienstvollen Popstars besteht gerade nicht darin, dass sie und ihre Hervorbringungen nicht mehr auf der Höhe der Zeit wären (es genügt, dass sie zu ihrer Zeit fulminant waren). Die Tragik liegt darin begründet, dass sie nicht mehr die Höhe ihrer eigenen Geschichtsmächtigkeit erreichen und, der popkapitalistischen Logik des "Immer weiter, immer schneller" geschuldet, zwangsläufig auch nie mehr erreichen können. Die Halbwertzeit von Popstars wird immer kürzer, und - ui, ui: Legenden sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Denn selbst wenn sich der heutige Mick Jagger noch mit dem vormals begnadeten Songschreiber Mick Jagger messen könnte, eine unpackbare Hürde sogar für einen Keith Richards, so wäre damit nicht mehr gewonnen als eine weitere zeitlose, das heißt gestrige Ikone der Populärkultur, die mit qualitativ hochwertigen Abenden im kultivierten Mainstream ihr Gnadenbrot fristet. Jaggers frühe Liebe, Marianne Faithfull, könnte ihm davon ein Lied singen.

In diese altersweisen Regionen der Erwachsenen(herzens)bildung aber will der ewige Träger von engen Hosen auch gar nicht vorstoßen. So verständlich die Furcht vor Vereinnahmung durch ein nicht nur altersmäßig gehobenes Popbildungsbürgertum auch immer sein mag, so unverständlich ist dabei Jaggers vollkommene Ignoranz gegenüber allen jüngeren Stil-, Sound-, Produktions- und Ausdrucks-Innovationen seit . . . sagen wir, klassischer Discomusik aus den 70er-Jahren. Nicht, dass er auf all seinen durch die Bank entsetzlichen Soloalben und so auch auf "Goddess In The Doorway" das Neue nicht gern auch als Aufputz seiner altbackenen Lieder nützen würde. Er bedient sich aber leider stets zielsicher beim jeweils vollkommen Falschen, sowohl zeitlich immer schwer nachhinkend als auch hipmäßig unter jeder Sau.

Man muß kein Fürsprecher von Madonnas New-Economy-Strategie der permanenten Revolution sein, mittels derer sich die Sängerin mit jeder neuen CD quasi rundum erneuert. Immerhin aber beweist Madonna durch ihre Produzentenauswahl jedesmal aufs Neue einen Riecher für subkulturelle Strömungen, die als nächste massenkompatibel werden; im hegemonialen Kampf ums Popstardasein ein nicht nur ästhetischer Mehrwert. Im Gegensatz dazu findet Jagger seine Produzenten stets nur in "Yesterday's Papers", und dort in den Spalten der vermeintlich letzten Adult-oriented-Authentizität, wo sich dann solche Langeweiler wie Lenny Kravitz oder Wyclef Jean Gute Nacht sagen. Diese beiden Kapazunder, weiters eine Riege Ennui-geplagter Studioprofis und, nicht zu vergessen, alte Spezln wie Pete Townshend, die nur schnell auf ein müdes Geplänkel vorbeikommen, haben sich also diesmal an die Sisyphusarbeit gemacht, den ohnehin im Dreck steckenden Karren vollends versinken zu lassen.

Die Anstrengung hat sich gelohnt! Am Ende erklingt eine heute selten gehörte Musik, die trotz verbissenem Modernisierungswillen von allem Zeitgenössischen so weit entfernt ist, wie unsereiner von den Einkünften dieser Herrschaften. Wir hören Rockiges, Funkoides und Reggaeeskes für einen versunkenen Jet Set von gestern; Musik mit einer so beklemmenden wie unfreiwilligen Aura von Ranzigkeit, gemahnend an Zeiten, in der Models noch Mannequins hießen und in den Discothequen von St. Tropez die Hautevolée in Champagner und kolumbianischem Marschierpulver badete. Life before Lifestyle. Wenn Madonnas Musik Microsoft ist, dann ist die von Mick Jagger Krupp, nicht mehr IG-Farben, aber auf alle Zeiten Krupp. Oder muß es heißen: News versus Ganze Woche?

Sicher ist: Ließe sich Jaggers neues Opus kochen, dann käme weder Nouvelle Cuisine noch deftige Hausmannskost auf den Tisch, sondern nur eines dieser Bonzenmenus aus Wirtschaftswundertagen, zu denen Kaviar in obszönen Mengen ebenso dazu gehörte wie das auffrisierte Dekolleté der Sitznachbarin. Bevor ich mich nun aber in ein mögliches Missverständnis hineinrede: Mit Großzügigkeit, Grandezza oder gar Glamour hat dieses Werk freilich nichts am Hut. In dieser Rockerwelt ist alles eitel.

In seiner kurios durchgeknallten Autobiographie "Ich" beschreibt Helmut Berger, wie er und sein Rebellenfreund Mick Jagger einst vom Balkon einer französischen Nobelabsteige auf den im Gastgarten soupierenden Industrie-Adel uriniert hätten: der Künstler als neureicher Hund, der seine volle Blase gegen den vermeintlichen Feind richtet und doch nur sein eigenes Spiegelbild anpinkelt. Ersetzt man die "volle Blase" durch einen "vollen Mund", dann hat man die Essenz dieses Albums, eine ungute Vollmundigkeit, deren schlecht kaschierte Leere im Gegensatz zur entleerten Blase keinen wie immer gearteten wohligen Schauer zu erzeugen vermag.

Ein letzter Vorschlag zur Güte, für den mich die Salzburger Festspiele eigentlich zum Ehrenpräsidenten auf Lebzeiten ernennen müssten: Gewinnt Mick Jagger für die Rolle des Jedermann! Lasst ihn über den Domplatz tänzeln! Zu seiner eigenen CD als Bühnenmusik! Wahrlich, ich sage euch: Hochmütiger könnte kein Sterblicher je seinen Niedergang zelebrieren! Zumal, wenn ihm womöglich gar noch Helmut Berger als Gevatter Tod über die Schulter lugte. Allmächtiger!

derStandard/rondo/23/11/01


Mick Jagger - Goddess In the Doorway (Virgin)
Fritz Ostermayer ist Theater- und Filmmusiker.
Gemeinsam mit Thomas Edlinger gestaltet er die sonntägliche FM 4-Radiosendung "Im Sumpf"
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