Anders Fogh Rasmussen: Vom liberalen Saulus zum sozialen Paulus

21. November 2001, 18:44
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Selbst nahe Mitarbeiter von Anders Fogh Rasmussen waren erstaunt: So ausgelassen wie bei der Wahlfeier im Restaurant "Själland" in der Kopenhagener City hatten sie ihren Chef noch nie erlebt. Der 48-jährige Vorsitzende der rechtsliberalen dänischen Venstre-Partei gilt eher als Gegenteil einer Stimmungskanone. "Unergründlich" sei er, "steif" oder gar ein "politischer Roboter", verlautet aus dem Lager der politischen Widersacher. Anhänger wie Gegner bescheinigen Rasmussen aber Geschick in der praktischen Politik und Verhandlungsstärke - Talente, die bei der Bildung des neuen dänischen Kabinetts willkommen sein dürften.

Für den studierten Ökonomen, der 1998 Uffe Ellemann Jensen an der Parteispitze ablöste, ist dies die zweite Regierungsrunde. Im konservativen Kabinett von Poul Schlüter war Rasmussen von 1987 bis 1992 Finanz- und Wirtschafts- minister.

Vorausgegangen ist eine steile politische Karriere: Der Bauernsohn, geprägt von den starken Venstre-Sympathien in der Familie, wurde bereits als 22-Jähriger Abgeordneter im Folketing, dem dänischen Parlament, und mit 32 stellvertretender Parteichef. Geübt hat er schon als Kind: Beim Politikspielen war Anders Fogh laut offizieller Parteibiografie stets Ministerpräsident, und die Brüder mussten Bürger spielen.

Anfang der 90er-Jahre profilierte Rasmussen sich als Venstres Chefideologe; seine Streitschrift "Vom Sozialstaat zum Minimalstaat" wurde Programm, sein Warnruf, wonach das "Geld aus der Staatskasse ströme", zum geflügelten Wort. In den vergangenen Jahren hat der Vater von drei Kindern jedoch einen zielstrebigen Imagewechsel vorgenommen: Vom einstigen hartgesottenen Wirtschaftsliberalen wandelte sich Rasmussen zum Gralshüter des Wohlfahrtsstaates und vor allem zum Fürsprecher eines verbesserten Gesundheitswesens.

"Wer den entsprechenden Wünschen der Bürger nicht nachkommt, kann als Politiker einpacken", so der Realist und Pragmatiker Rasmussen. Sein in diesem Wahlkampf allzu ungehemmtes Flirten mit ausländerfeindlichen Stimmungen in der Bevölkerung brachte ihm harsche Kritik von Politikerkollegen im In-und Ausland ein.

Die künftige Ausländerpolitik dürfte eine der größten Herausforderungen für den Verhandlungsprofi werden. Potenzielle Regierungspartner sind uneins, die Rechtspopulisten der Dänischen Volkspartei drängen auf eine "harte Gangart".

Als Ministerpräsident strebe er eine "breitestmögliche Zusammenarbeit als Grundlage solider politischer Lösungen" an, sagt Rasmussen. Unter den kritischen Blicken nicht zuletzt der skandinavischen Nachbarländer steht ihm harte Arbeit bevor. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.11.2001)

Anne Rentzsch
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