Komm, sing mit!

23. November 2001, 11:34
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Wie Fran Healey, Chef der schottischen Gassenhauer Travis, im Gasometer mit dem Ohrwurm kämpfte

Die schottische Pop-Band Travis, erfolgreich mit melancholischen Songs wie "Why does it always rain on me?", bewies im Wiener Gasometer, dass es im Pop nicht darauf ankommt, Erster zu sein. Es kommt darauf an, bekannte lyrische und musikalische Klischees zu hinterhältigen Ohrwürmern zu montieren: "Sing, sing, sing!"

Von Christian Schachinger


Wien - Wir basteln ein Lied:
1. Ja, bist du denn: "Die Welt ist ein kleines Kind in der Dunkelheit."
2. Des Wahnsinns: "Wir leben alle unter demselben Himmel, wir alle leben, und wir alle werden sterben."
3. Fette Beute: "Das Leben ist beides, ein Dur-Akkord und ein moll-Akkord."

Ob Fran Healey, der hier im Wiener Gasometer mit seiner Band Travis den Massen Lebensweisheiten aus dem schottischen Schwermut-Forrest predigt, mit seinen Songtexten bei einem Lyrik-Nachwuchswettbewerb in das Achtelfinale kommen würde, darf bezweifelt werden.

Allerdings kommt es im Leben vor allem darauf an, überhaupt dabei zu sein - der olympische Gedanke. Deshalb sei es dem Mann aus Glasgow vergönnt, dass er damit derzeit bei den gewiefteren jungen Bewohnern eines sonst über die synchrontanzenden Popstars gleichgeschalteten Europa zumindest insofern punkten kann, als andere hoch gehandelte Bands aus dem Alternative-Genre auch nichts Gescheiteres zum Vortrag bringen. Wenn man singen will, muss ja schließlich irgendetwas singen.

Außerdem kommt Healey auch ein historischer Aspekt von Popmusik sehr zugute: Den Briten, Schotten und Iren ist es als "Native Speakers" traditionell eher egal, was da inhaltlich vorgetragen wird, Hauptsache, in der Banalität haust ein Ohrwurm. Banal bedeutet im Übrigen in aller Unschuld ja nichts anderes, als nichts Besonderes darstellen zu können oder zu wollen.

Banalität, Klischee, Pop. Eine Troika, die immer nur für drei Minuten regiert. Für einen Adelstitel reicht es im europäischen Pop-Mutterland Großbritannien ohnehin längst, einfach Elton John zu sein oder Obladi Oblada komponiert zu haben. Das geht schon in Ordnung so.

Fran Healey und seine Mitstreiter besitzen jedenfalls die Gabe, zur plattgewalzten und melancholisch angeherbstelten Behelfslyrik eine Musik beizusteuern, die nicht sofort ins kollektive Gedächtnis kracht wie Wuchteln von Lennon-McCartney.

Die Songs von Travis besitzen allerdings eine melodische Hinterfotzigkeit, die ihre Wirkung erst nach mehrmaligem Hören voll entfaltet, beispielsweise über den Refrain der aktuellen Single Sing: "Sing, sing, sing. Sing, sing, sing, sing." Mit so einer Melodie kann man sich im Kurzzeitgedächtnis oft den ganzen Tag versauen.

Talente bündeln

Wenn die Talente bescheiden sind, muss man sie bündeln. Der aufgrund seines wuchtigen und schnörkellosen Wandergitarrenspiels sofort als ehemaliger Straßen-und Pub-Musiker erkennbare Fran Healy hat über das jahrelange Nachspielen von Gassenhauern aus der Popgeschichte die Lehre gezogen.

Er weiß, wie ein potenzieller Evergreen bezüglich Dynamik und Harmonieführung aufgebaut sein muss, nämlich zumindest nach außen hin einfach. Und er weiß, dass das Volk seine Lieder am liebsten danach aussucht, dass die Melodien bloß ja nicht zu hektisch und gefinkelt daherkommen. Getragen, melancholisch, meinetwegen auch etwas traurig. Vor allem aber, sie müssen die ganze Welt umarmen können.

Nur gut, dass Healy live mit seiner Gitarre beschäftigt ist. Ohne Frage würde hier zur wunderbaren Nummer Why Does It Always Rain On Me? mit den Armen Ausdruck getanzt werden, als gelte es sämtliche stilistische Vorgaben des Stadionrock der guten Menschen von Dublin und Athens, Georgia, vollinhaltlich zu erfüllen.

Live vor einem dank Dauereinsatz im Musikfernsehen textlich bestens vorbereiteten Auditorium (sing, sing - komm, sing mit!) starten Travis voll durch.

Immerhin muss es als todesverachtend angesehen werden, ein Konzert gleich mit seinem größten Hit zu beginnen. Travis, und das muss schließlich ja auch gesagt werden, können dann die Qualität über eineinhalb Stunden durchaus halten.

Als der Zugabenblock schließlich über Bekenntnisse wie All I Wanna Do Is Rock und David Bowies All The Young Dudes in einer angeheiterten Deutung von Back In Black von AC/DC kulminiert, ist schließlich eines klar: Travis sind zwar nichts Besonderes. Aber das sind wir ja auch nicht.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 11. 2001)

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