"Gottbegnadete Experten"

21. November 2001, 19:11
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Unmut über "große Kaliber" und Bereichssprecher im SPÖ-Klub

Wien - Exfinanzminister Rudolf Edlinger, nunmehr einfacher Abgeordneter der SPÖ, betont zwar trotz seiner 61 Jahre seine ungebrochene Lust an der Politik, sucht aber bereits jüngere Kandidaten für einen Platz im SPÖ-Klub. Die Debatte um die Umstrukturierung in der SP-Parlamentsfraktion sorgt bei den betroffenen Abgeordneten für Unruhe. Insbesondere die Älteren fühlen sich durch die Forderung des Wiener Bürgermeisters Michael Häupl nach einer Verjüngung des Klubs auf den Schlips getreten.

Der Niederösterreicher Arnold Grabner, 62 Jahre alt, meint etwa, dass Häupl wohl nur die Wiener Abgeordneten gemeint haben muss. Er selbst macht aber tatsächlich Platz für einen Jüngeren, mit Jahresende wird Grabner sein Mandat zurücklegen. Eine Verjüngung sei zwar sinnvoll, auf die Erfahrung der älteren Abgeordneten könne aber nicht verzichtet werden: "Der Toni Leikam ist etwa der Beste in Sicherheitsfragen", sagt Grabner.

Gerade Anton Leikam wurde aber unter dem neuen Parteiobmann Alfred Gusenbauer als Sicherheitssprecher abgelöst. Der 58-jährige Kärntner, seit 15 Jahren für die SPÖ im Parlament, ist über die Neustrukturierung im Klub auch nicht ganz so begeistert. Leikam: "Im Gegensatz zu einigen gottbegnadeten Experten, die der Klub offensichtlich braucht, die sich aber keinerlei Vorwahl stellen müssen, muss ich sechs parteiinterne Abstimmungen über mich ergehen lassen, bevor ich überhaupt in den Wahlkampf ziehen kann." Leikam empfiehlt Gusenbauer und seinem stellvertretenden Klubchef Josef Cap, sich bei der Besetzung im Klub auch die Vorzugsstimmenergebnisse, insbesondere aus den Ländern, anzuschauen.

Ein anderer Abgeordneter pflichtet Leikam hinter vorgehaltener Hand bei und ärgert sich: "Da ziehen zahlreiche so genannte große Kaliber in den Klub ein, ohne sich die Finger in einem Wahlkampf schmutzig zu machen." Auch die vielen Bereichssprecher, die unter Gusenbauer installiert wurden, stoßen auf Irritation. "Das ist schon kontraproduktiv", meint der Abgeordnete und ätzt: "Mit 41 Bereichssprechern sollten wir im Klub die Themenpalette halbwegs abgedeckt haben." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.11.2001)

Michael Völker

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