Das amerikanische Leben

17. Jänner 2002, 15:48
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Rechtfertigen die einen einen Krieg und sind die anderen nicht einmal einen genaueren Augenschein wert? Ein Kommentar von Peter Pilz

Die Taliban sind also besiegt. Wie soll es jetzt weitergehen? Wird Afghanistan allen Ernstes den Banden der Mudjahedin überlassen? Was passiert mit Osama bin Laden, wenn er gefasst wird An die nächste Wand? Oder doch vor ein Gericht? Und wenn ja, vor welches? Wird jetzt, wie es Bush und Powell angekündigt haben, der Irak angegriffen? Oder doch zuerst Libyen? Und was passiert, wenn sich die Hintermänner des nächsten Anschlags im Sudan oder in Nepal verbergen?

Die Menschen in den islamisch dominierten Staaten können gut beobachten, ob die Werte, für die die USA Krieg führen, für alle gelten. Dabei stellen sie immer wieder dasselbe fest: Sie selbst sind vergleichsweise wenig wert. An diesem Punkt heißt es meist: Das Aufrechnen der Toten sei „antiamerikanisch" und daher nicht akzeptabel. Warum? Sind die Toten des Terrors von New York als Menschen einmaliger als die etwa ebensovielen Toten der Giftgasangriffe Saddams im kurdischen Ort Halabja? Sind die Bilder der Menschen, die verzweifelt aus den oberen Stöcken der Twin Towers winken, schlimmer als die derer, die auf den Straßen Halabjas plötzlich zu lachen und zu zucken beginnen und dann an Saddams Giftgas Sarin sterben? Rechtfertigen die einen einen Krieg und sind die anderen nicht einmal einen genaueren Augenschein wert?

Die Botschaft kommt an: Das amerikanische Leben zählt mehr als jedes andere. Der Belgrader Industrievorort Pancevo wird aus der Luft bombardiert, um keine Verluste amerikanischen Lebens zu riskieren. Die Opfer der Chemiekatastrophe von Pancevo sterben jahrelang am Boden - Serben, und damit weniger wert. Das Ziel, so erklärte mir ein NATO-General im europäischen Hauptquartier in Mons, sei von den USA ausgewählt worden. Man wisse nicht warum, irgendetwas sei schiefgegangen. Osama bin Laden wird hoffentlich vor ein Gericht gestellt. Der amerikanische Offizier, der die Bombardierung von Pancevo angeordnet hat, muss ebensowenig befürchten wie der, der den Einsatz von Clusterbomben in Afghanistan befohlen hat. Eine neue globale Rechtsstaatlichkeit wird von Ägypten bis Indonesien wahrscheinlich erst dann akzeptiert werden, wenn sie für alle gilt. Wahrscheinlich liegt es an Europa, den USA das klarzumachen. Das wäre die Alternative zur „bedingungslosen Solidarität" - und eine Rolle für Österreich.

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"Fremde Feder" ist eine Kolumne auf derStandard.at für Kommentatoren von außen.
Peter Pilz ist Sicherheitssprecher der Grünen und im Internet mit www.peterpilz.at vertreten.
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