Wo bleiben die österreichischen Cannabis-Studien?

21. November 2001, 16:03
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Universitätsprofessor Kress: "Patienten werden aus Kostengründen in die Illegalität getrieben"

Wien - Chronische Schmerzen, Übelkeit, Multiple Sklerose, Lähmungen, Migräne: Das alles könnten Anwendungsgebiete für Hanf-Inhaltsstoffe - Cannabis bzw. Cannabinoide - sein.

"Österreich hat die Chance, dass das Bundesministerium (f. Forschung) zusammen mit öffentlicher Förderung diesen Bereich aus der Kriminalisierung herausnimmt. Wir brauchen eine seriöse klinische Cannabis-Forschung", erklärte am Mittwoch der Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft, Univ.-Prof. Dr. Hans-Georg Kress.

Der Hintergrund

Am Samstag findet in der Bundeshauptstadt das 7. Internationale Wiener Schmerzsymposium statt. Ein Hauptthema sind dabei die "Cannabinoide in der Schmerztherapie". Kress: "Es geht nicht um Joints aus der Apotheke. Cannabis als Heilkraut hat eine uralte Tradition - in China, Indien, dem Orient, aber auch im alten Griechenland. Bis 1942 war Cannabis im britischen und amerikanischen Arzneibuch enthalten und konnte verschrieben werden."

Cannabis und seine Inhaltsstoffe sind nicht einfach Rauschmittel. Kress, auch Vorstand der Abteilung für Allgemeine Anästhesie und Intensivmedizin B am Wiener AKH: "Die natürliche Pflanze enthält mehr als 63 Cannabinoide. Das sind nicht alle psychoaktive Drogen."

Inhaltsstoffe

Hauptinhaltsstoff und primär für die Rauschzustände beim Rauchen von Haschisch verantwortlich ist das Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC). Daneben sind noch wesentlich: Delta-8-Tetrahydrocannabinol, Cannabinol und Cannabidiol. Cannabinol ist nur schwach psychotrop, Cannabidiol gar nicht. Bei diesen beiden Substanzen stehen offenbar die Schmerz stillenden, Appetit steigernden und Krampf hemmenden Effekte im Vordergrund, die für die Medizin und die Patienten interessant sind.

Der Hürdenlauf der Patienten - in Österreich ist kein Cannabinoid-Präparat zugelassen - ist jedenfalls ausgesprochen schwierig. In den USA und Großbritannien gibt es "Marinol" und "Nabilone" als zugelassenes Medikament in Kapselform gegen Erbrechen und Auszehrung bei Tumor- und Aids-Patienten.

Hürdenlauf

Zwar kann Marinol über Apotheken nach Österreich importiert werden, doch die bürokratischen Abläufe sind kompliziert. Die Verschreibung ist ausschließlich auf Suchtgiftrezept und für die pharmazeutischen Produkte möglich. Die Kosten sind hoch. Dr. Birgit Frommer von der Abteilung am Wiener AKH: "So kosten 60 Marinol-Kapseln a 2,5 Milligramm 11.000 Schilling bei durchschnittlich zwei bis vier Kapseln Tagesdosis." Etwas günstiger ist die magistrale Zubereitung solcher Kapseln in einer Wiener Apotheke. Doch eine Kapsel kostet dann immerhin auch noch 75 Schilling.

Streng aus Mangel an Informationen

Weil durch den Mangel an eindeutigen klinischen Studien Informationen über die besten Anwendungsgebiete, die erforderliche Dosis und objektive Effekte von Cannabinoiden fehlen, sind auch die österreichischen Krankenkassen restriktiv, was die Kostenübernahme von solchen Medikamenten angeht. Außerdem bremst die Angelegenheit auch die regelmäßige politische Diskussion um die illegale Drogenproblematik.

Das hat Konsequenzen. Es besteht laut den Experten der begründete Verdacht, dass sich österreichische Patienten, die von Cannabis profitieren, ihr "Medikament" am "Karlsplatz" - also im illegalen Drogenhandel - besorgen. Dr. Birgit Frommer von der Klinischen Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin B am Wiener AKH: "Man kann doch Patienten nicht zumuten, dass sie sich Cannabis auf dem illegalen Markt besorgen."

Weg in die Illegalität

Ähnlich der Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft, Univ.-Prof. Dr. Hans-Georg Kress: "Natürlich werden Patienten aus Kostengründen in die Illegalität getrieben."

Den Fachleuten geht es nicht um eine "Freigabe" von Haschisch. Ein Zustand wie in den Niederlanden, wo das Parlament vor kurzem beschloss, dass Cannabis über Apotheken abgegeben werden darf, sei gar nicht erwünscht. Kress: "In den Niederlanden wird man gar keine klinischen Studien mehr durchführen können."

Sachliche Diskussion gewünscht

In Österreich bestünde aber noch die Möglichkeit, seriöse wissenschaftliche Untersuchungen auf diesem Gebiet zu machen. Kress: "Wir fordern eine Versachlichung der Diskussion." Die Anliegen der Schmerztherapeuten:

- Mehr Sachkenntnis und Sachlichkeit in die öffentliche Diskussion - Vorurteilslose, entstigmatisierende (öffentliche, Anm.) Förderung der seriösen klinisch-medizinischen Cannabis-Forschung in Österreich - Keine generelle Verschreibung von Cannabis - Kostenübernahme der Cannabinoid-Therapie durch die Krankenkassen bei Patienten mit klinisch nachgewiesenem Nutzen der Behandlung.

Cannabinoide können offenbar auch die Entstehung von Toleranzerscheinungen bei Schmerzpatienten unter Opiat-Analgetika-Therapie hemmen. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass sie nach einem Schlaganfall das Gehirn vor weiteren Schäden schützen. (APA)

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