Auf dem Land öffnet sich die Schere zwischen mobilen und immobilen Personen

21. November 2001, 14:55
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Durch Ausdünnung des öffentlichen Verkehrs bleiben immer mehr Menschen auf der Strecke

Wien - Von einer nachhaltigen Verkehrsentwicklung ist der ländliche Raum weiter entfernt als je zuvor. Die Ausdünnung des öffentlichen Verkehrswesens führt zu einer Zunahme des Individualverkehrs und zu einer Bevölkerungsgruppe, die aufgrund verschiedener Indikatoren an diesem Trend nicht mitmachen können. Das erklärte Gert Sammer, Professor für Verkehrswesen der Universität für Bodenkultur in Wien, beim internationalen Kongress "Leben und Überleben-Konzepte für die Zukunft", der derzeit in Wien stattfindet.

Eine nachhaltige Verkehrsentwicklung befindet sich im Spannungsfeld folgender Zielsetzungen: der langfristigen Sicherstellung der Erreichbarkeit und Zugänglichkeit zu Arbeitsplätzen, Schulen, Nahversorgungs- und Freizeiteinrichtungen, des Umweltschutzes und der Finanzierbarkeit der Mobilität und Verkehrsinfrastruktur. "Die durchschnittliche Entfernung zur nächsten Haltestelle des öffentlichen Verkehrs beträgt im urbanen Umfeld rund 270 Meter, im ländlichen Bereich ist sie etwa dreimal so groß", so Sammer. "Durch die zu erwartende Rücknahme des öffentlichen Verkehrsangebotes werden diese Entfernungen in Zukunft noch größer. Die Erreichbarkeitskennziffern des öffentlichen Verkehrs werden sich in den kommenden Jahren aber noch weiter dramatisch verschlechtern", meint der Verkehrsexperte. In den ländlichen Gebieten würden heute bereits mehr als zwei Drittel aller Personenwege mit dem Auto zurückgelegt, mit steigender Tendenz. "Defizite ergeben sich für jene, die über kein eigenes Fahrzeug verfügen – Kinder, Senioren und Frauen", argumentiert Sammer. Ein Anstieg der Treibstoffpreise werde die Bewohner des ländlichen Raumes vor große finanzielle Probleme stellen.

"Wenn der ländliche Raum als Lebensbereich mit hoher Lebensqualität nachhaltig gesichert werden soll, besteht ein großer Handlungsbedarf. Dafür bieten sich eine Reihe von Möglichkeiten von alternativen, flexiblen Formen von Verkehrseinrichtungen wie Anrufsammeltaxi, Bürgerbusservice, Fahrgemeinschaften, Car-Sharing an", meint der Wissenschaftler. Auch flexible Formen von Versorgungseinrichtungen könnten eine Lösung darstellen. Dazu zähle zum Beispiel ein "fahrender Kaufmann", die Übernahme von Postdiensten durch private Organisationen. Chancen sieht der Experte auch in der verbesserten Telekommunikation, die mit weniger physischer Mobilität auskommt und Dienstleistungen näher zum Kunden bringt. Dies könne zum Beispiel durch Telebanking, Teleshopping und Teleworking erfolgen. "Die neuen Formen stehen derzeit aber noch im Entwicklungsstadium und es gibt keine Erfahrungen wie sie von der Bevölkerung akzeptiert werden", so Sammer. Die Wiener Universität für Bodenkultur arbeitet derzeit am Mobilitätsprojekt "Move", das von drei österreichischen Landesregierungen unterstützt wird. (pte)

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