Love, Peace & Vollgas

23. November 2001, 10:51
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Wie Garry Friedle alias DJ Ötzi mit "Alpenpop" die britischen Charts eroberte

Heimische Musiker jammern gern, dass ihre Produkte im In- wie im Ausland nicht entsprechend gewürdigt werden, vor allem auch wegen einer fehlenden Förderung seitens des öffentlich-rechtlichen Senders Ö3. Und jetzt das!

DJ Ötzi alias Anton aus Tirol alias Gerry Friedle wird zwar auch nicht auf Ö3 gespielt und hat seinen Weg über die Plattenteller von heimischen und mallorquinischen Plattentellern in Absturzhütten-Discos gemacht. Mit zwei gleichzeitig platzierten Singles in den englischen Top Ten, mit den alpin-rustikalen Coverversionen der Sixties-Hits Hey Baby und Do Wah Diddy, ist er aber soeben zum erfolgreichsten Popstar im Großbritannien der letzten 20 Jahre aufgerückt.

Zwar kann der ehemalige Discjockey vom Gehalt her nicht ganz an ähnlich erfolgreiche Kapazunder wie einst die Beatles oder Michael Jackson anschließen. Der 30-jährige, frisch verheiratete Popstar aus Tirol setzt allerdings auch nicht so sehr auf Qualität, sondern auf Quantität. Masse ist Macht. Lieber zu viel als zu wenig!

Nicht nur, dass Friedle seit zwei, drei Jahren den deutschsprachigen Raum mit einer Form von Musik verwüstet, die die exakte Schnittmenge von Love Parade, Ballermann 6 und einem Doppelliter Jagatee bildet. Diese Hits mit dem Vorschlaghammer haben sich allein über DJ Ötzis erste in Großbritannien veröffentlichte Single, Hey Baby, im Mutterland der Popkultur nach 15 Wochen in den Charts bis dato schon unfassbare 600.000-mal verkauft.

Auch Never Stop The Alpenpop, sein für den internationalen Markt verweltlichtes Debütalbum Love, Peace & Vollgas, das der britischen Pop-Bibel New Musical Express jüngst zwar nicht die nur äußerst selten vergebene Punktewertung 666, immerhin aber 0 von 10 möglichen Punkten wert war, steht weltweit in den Startlöchern.

Nachdem Friedle diese Woche in England eine Werbetournee unternimmt, stehen als Nächstes ein Englischkurs und die Destination USA auf dem Plan.

Zwar kann Österreich abseits längst dahingegangener Austropop-Klischees aus den 70er-Jahren, deren Wirkungsgeschichte international immer bis zum Weißwurst-Äquator reichte, heute längst schon und gerade im auch von Friedle beackerten Dancefloor-Bereich weltweit erfolgreiche und obendrein geachtete Künstler wie Kruder & Dorfmeister, die Sofa Surfers oder Louie Austen vorweisen. Gegen die Verkaufsargumente von DJ Ötzi muss allerdings selbst ein Madonna-Remix von Kruder & Dorfmeister verblassen.

Dass Friedle in den USA ähnlich erfolgreich werden könnte wie einst Falco mit Rock Me Amadeus, darf allerdings bezweifelt werden. Ernsthafte österreichische Musiker dürften sonst endgültig um ihren Schlaf kommen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 11. 2001)

Die vorangegangene Meldung zum Thema

London - Gerry Friedle alias DJ Ötzi rangiert in dieser Woche mit zwei Cover-Versionen in den Top Ten der britischen Charts. Eine derartige Doppelplatzierung in der UK-Hitparade soll in den letzten zwei Jahrzehnten weder einem nationalen noch einem internationalen Act geglückt sei. Hey Baby - seit 15 Wochen im Rennen und einmal sogar an der Spitze - belegt den neunten Rang, Do Wah Diddy den zehnten. Der Exkoch befindet sich derzeit in Großbritannien: Er erhält "Platin" für mehr als 600.000 verkaufte Tonträger von Hey Baby. In Irland schaffte Friedle sogar vierfaches Platin. (APA)

 Von
 Christian
 Schachinger


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