Erntedank in Wien

21. November 2001, 13:06
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Thanksgivin`- die nachblaue Stadt

"Ein Film sollte gut gewürzt sein. Ich bin der Knoblauch, der die einzelnen Gewürze ermuntert, sich hingebungsvoll zu verströmen und sich mutig miteinander zu verbinden.", erklärt Marianne Sägebrecht in ihrem Buch "Ich traue der Zukunft". In dem österreichischen Debüt-Film Thanksgivin`- die nachtblaue Stadt von Michael Pfeifenberger und Stephan Demmelbauer, der derzeit im Topkino zu sehen ist, spielt sie eine für sie typische Rolle - die warmherzige, mütterliche Klofrau Veronika. Aber nicht nur durch ihr schauspielerisches Talent gibt Marianne Sägebrecht dem Film seine Würze, sondern sie hat auch entscheidend an der Geschichte und der Entstehung von Thanksgivin` mitgewirkt.

Gemeinsam mit den beiden Regisseuren entstand die Idee, die beiden Kurzfilme „That`s all Jonny“ und „Alles werden gut“ miteinander zu verbinden und einen 98min. Independent Film daraus zu machen. Am 25. Oktober 2001 feierte Thanksgivin` - die nachtblaue Stadt im Wiener Donauplex Premiere.

Ort und Zeit der Handlung ist das heutige Wien. Zu Beginn wird fast lautlos und dokumentarisch die Verzweiflung und Ziellosigkeit des jungen Protagonisten Micky (Alexander Pschill) wiedergegeben, der sich mit seiner stark passiven Lebenshaltung einer nächtlichen Odyssee hingibt, und so versucht, der Erinnerung an eine missbrauchte Vergangenheit zu entfliehen. Unbeholfen, passiv und völlig unerfahren tappt er von einer gefährlichen Situation in die Nächste. Er wird erpresst und bedroht. Er flieht in das Bett eines Mannes. Aber auch das endet fatal. Er wird von einer "Wahnsinnigen" beinahe erschlagen. Dabei gerät er selber unter Mordverdacht und landet schließlich im Gefängnis. Der einzige Mensch, der ihm noch helfen könnte, ist Veronika, eine Klofrau, die mit ihrer weltoffenen Art, hinter der sich jedoch schmerzhaft erlittene Lebensweisheit verbirgt, immer wieder als Ansprechpartnerin für ziellos umherirrende Nachtschwärmer dient. Die beiden entdecken ihre Parallelen in der Vergangenheit und eine ungewöhnliche Freundschaft beginnt...

Thanksgivin` ist eine „Outcast-Psychogramm, das sich intensiv mit den Themen Homosexualität, Drogen und Mord auseinandersetzt. Eine Geschichte über Außenseiter und absurde Gesetze, in der die gesellschaftlichen Grenzen neu definiert und Etikettierungen, wie das Opfer/Täter und Schuld/Sühne Prinzip, in Frage gestellt werden. Kritisch und tolerant zugleich setzt sich der Film mit einer zwischenmenschlichen Kommunikationsverweigerung, der Zärtlichkeits- und Bindungsangst der heutigen Jugend, auseinander.

Der Regisseur, Michael Pfeiffenberger, selbst über Thanksgivin´ „Die Geschichte ist eine Bestandsaufnahme über Ziellosigkeit, Aggression und Selbsthass bis hin zu Mord. Doch Menschen können sich ändern - zum Beispiel durch die Liebe anderer ... Von diesem Wunder der Verwandlung erzählt meine Geschichte.“

Dem Zuseher bietet Thanksgivin` die Möglichkeit, sich seine Gedanken, über die Folgen einer repressiven Umwelt, absurde Gesetze, Verzweiflung, Sehnsucht, Licht und Hoffnung, zu machen. Und sich von der positiven Wandlung der beiden Hauptdarsteller anstecken zulassen, denn so sinn- und aussichtslos einem das oft von Selbsthass und Resignation befallenen Leben manchmal auch vorkommt, so viel hat es auch an positiven Überraschungen und Veränderungsmöglichkeiten zu bieten.

Wer sich selbst von diesem Film überzeugen lassen möchte, sollte sich beeilen, denn Thanksgivin – die nachtblaue Stadt spielt nur noch diese Woche im Wiener Topkino. KOP

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