Möglicherweise ungeeigneter Bluttest lässt Zahl der Prostatakrebsfälle "explodieren"

21. November 2001, 13:46
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Epidemiologe Christian Vutuc: "Wenn man alle 80-Jährigen auf erhöhte PSA-Werte testet, wird man wahrscheinlich bei den meisten von ihnen ein Prostatakarzinom finden"

Wien - Die Häufigkeit des Prostatakarzinoms ist gestiegen - angeblich. Die Früherkennung durch den einfachen Bluttest auf das Prostata-spezifische Antigen (PSA) soll laut dessen Proponenten bereits die Todesrate fallen lassen. Doch eine neue Untersuchung des Instituts für Krebsforschung der Universität Wien zeigt andere Ergebnisse. "Die Zahl der Prostatakarzinome ist explodiert. Das hat etwas mit dem PSA-Test zu tun. Bisher hat er nur Morbidität, also Krankheit, erzeugt. Die Sterberate hat sich hingegen kaum verändert", erklärte Studienautor Univ.-Prof. Dr. Christian Vutuc.

Vutuc, Leiter der Abteilung für Epidemiologie am Institut für Krebsforschung in Wien, hat penibel das österreichische Datenmaterial zum Auftreten und zur Sterblichkeit des Prostatakarzinoms analysiert. Sein Hauptergebnis: "Der PSA-Test eignet sich nicht für Massen-Untersuchungen auf Prostatakrebs. Er wurde dafür auch nicht entwickelt, sondern sollte nach einer Operation eventuell Hinweise auf einen Rückfall geben."

30.000 Männer betroffen

Trotzdem werden die PSA-Tests offenbar in Österreich immer häufiger durchgeführt. Der Epidemiologe: "1999 erfolgten in Österreich rund eine Million solcher Tests. Die Zielpopulation, also Männer ab einer gewissen Altersgruppe, beträgt rund 800.000 Menschen. Man kann rechnen, dass derzeit in Österreich rund 30.000 Männer mit einem diagnostizierten Prostatakrebs leben. Selbst wenn man die mehrfach im Jahr untersucht, bleiben noch mehr als genug Tests für alle übrigen Männer."

Die von Vutuc erhobenen harten Daten: 1983 wurden in Österreich 1.438 Fälle von Prostatakrebs diagnostiziert oder 52,2 auf 100.000 Männer. 1991 waren es dann 2.403 Neudiagnosen (65,8 pro 100.000 Männer). 1997 schließlich gab es 3.476 Neudiagnosen oder 93,6 pro 100.000 Männer. Der Zuwachs in der Häufigkeit betrug 79 Prozent.

Vermehrte Tests ließen Zahl der Erkrankungen steigen

Doch nicht die wirklich häufigere Erkrankung als vielmehr das Einsetzen der PSA-Tests zur - so Vutuc - vermeintlichen Früherkennung mit Beginn der neunziger Jahre war demnach der Grund für den Anstieg. Der Epidemiologe: "Da stellt sich für mich die Frage, ob wir jetzt nur jene Prostatakarzinome entdecken, die man sonst nie erkannt hätte bzw. die nie Symptome ausgelöst hätten. Wenn man nämlich - hart formuliert - alle 80-Jährigen auf erhöhte PSA-Werte testet, wird man wahrscheinlich bei den meisten von ihnen ein Prostatakarzinom finden." Doch eine andere Frage sei es, ob die Betroffenen je wirklich erkranken oder gar daran sterben würden.

Vutuc zweifelt auch im Gegensatz zu Fachleuten in Tirol an, dass die vielen PSA-Tests eine Verringerung der Sterblichkeit bei Prostatakrebs-Patienten gebracht haben: "An der Sterblichkeit in Folge solcher Karzinome hat sich kaum etwas geändert. Nur in der Gruppe der 70- bis 79-Jährigen ist sie zurückgegangen. Doch das war wahrscheinlich die verbesserte Behandlung - und nicht der PSA-Test."

Ungefährliche Karzinome entdecken bringt nichts

So stieg die Sterblichkeitsrate von Männern durch Prostatakarzinome von 26,8 pro 100.000 im Jahr 1983 (absolut: 898 Todesfälle) auf 33,4 pro 100.000 im Jahr 1991 (absolut: 1.206). 1999 waren es dann 1.222 Todesfälle oder eine Sterblichkeit von 30,3 pro 100.000 Männer.

Vutuc: "Ich würde daher nicht empfehlen, den PSA-Test als Screening-Untersuchung zu verwenden." Offenbar gebe es manche Karzinome, die wirklich gefährlich wären, und andere, die eher ungefährlich sind. Vor allem letztere zu entdecken, bringe nichts. (APA)

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