Pickerl: Schwere Mängel - Christoph Prantner

20. November 2001, 19:37
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Österreich, ein Musterland? Oft lässt sich das nicht sagen. Beim "Pickerl" allerdings, behauptet der vereinigte Kfz-Sachverstand des Landes, sei dies der Fall. Und jetzt, jetzt wolle die Regierungskoalition diese Spitzenposition ohne Not gefährden. Mit breiteren Prüfintervallen würden die Verkehrssicherheit und die Sache der Ökologie geschmälert.

Tatsächlich gibt es keinen einleuchtenden Grund, die Abstände zwischen Prüfterminen zu verlängern. Das Argument, moderne Neuwagen hätten auch längere Serviceintervalle, ist nicht stichhaltig: Es gibt schlecht eingestellte Neuwagen, die größere "Umweltstinker" sind als gut geprüfte Gebrauchte. Außerdem: Bei manchen Vielfahrern "überleben" Autos die geplante Dreijahresfrist bis zur ersten Überprüfung gar nicht.

Dass die Pläne im Verwaltungsreformpaket am Verkehrsausschuss des Parlamentes vorbeimanövriert wurden, bürgt ebenfalls noch nicht für eine bürokratische Erleichterung: Die Überprüfungen sind seit Jahren privatisiert, der Staat hat einen minimalen Nutzen vom neuen Modell. Und die oft angeführten Kosteneinsparungen für den Autofahrer neutralisieren sich spätestens dann, wenn er Reparatur- und Verschleißrechnungen nach einem allfällig unentdeckten Schaden kalkuliert.

Nun, cui bono? Wer hat dann etwas davon? Der Populismusvorwurf greift dieses Mal wohl auch für die FPÖ zu kurz. Wieso ein Pickerlwickerl vom Zaun brechen, wenn ohnehin Temelín zur Verfügung steht? Wieso einen parlamentarischen Error riskieren, wenn es eh den Terror gibt? Vielleicht erschließt sich irgendwann noch ein tieferer Sinn der neuen Regelung. Bis dahin muss sich die Koalition in einer politischen §57a-Überprüfung allerdings "schwere Mängel" attestieren lassen - vor allem was die demokratische Kultur und den Sachverstand angeht. (DER STANDARD, Print, 21.11.2001)

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