Wenn 106 Prozent der Kinder eine Diphterie-Impfung erhalten haben ...

21. November 2001, 14:16
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WHO und UNICEF: Impfstatistiken sind weltweit geschönt

Genf - Jahrzehntelang hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Erfolgsmeldungen über Impfaktionen akzeptiert, die häufig unzuverlässig und manchmal sogar grob gefälscht waren. Das hat eine Analyse der Impfdaten aus den letzten 20 Jahren ergeben, die die WHO und die Kinderhilfsorganisation Unicef gemeinsam durchgeführt haben.

Anthony Burton von der Impfabteilung der WHO in Genf und seine Kollegen von der Unicef stellten fest, dass Impfaktionen nicht selten mehrmals gezählt wurden. "Das bedeutet aber", so Burton, "dass damit für das jeweilige Land das Plansoll erfüllt war und man sich für andere Gegenden überhaupt nicht mehr interessierte. Dort wurden und werden die Kinder dann halt weiter krank und sterben."

Impfaktionen doppelt verrechnet

Andere beim Nachwassern aufgedeckte Fehlerquellen: Ein Viertel der angeforderten Impfdaten sind überhaupt nicht vorhanden, 19 Prozent sind übertrieben. Erkennen kann man das an ungewöhnlichen Jahressprüngen oder Widersprüchen in der Statistik. So stellte sich etwa heraus, dass in Bangladesch in einem Jahr 106 Prozent der Kinder die dritte Teilimpfung gegen Diphterie, Tetanus und Keuchhusten bekommen hatten. Und in Sierra Leone stieg die Impffrequenz zwischen 1997 und 1998, obwohl in dieser Zeit Bürgerkrieg herrschte, angeblich von 28 auf 68 Prozent.

Gar keine Zahlen aus Norwegen

Aber niemand soll denken, derlei Unzuverlässigkeiten seien schlicht Probleme der Entwicklungsländer. Der Datencheck brachte ans Licht, dass aus Norwegen seltsamerweise überhaupt keine Zahlen vorliegen.

"Dass ganze Länder durchgeimpft sind, ist nichts als ein Mythos", weiß Virologe Jacob John, Gesundheitsberater im indischen Bundesstaat Kerala. Nach seinen Erfahrungen berichtet Indien Jahr für Jahr nach Genf, Hunderttausende Kinder mehr geimpft zu haben, als Impfstoffdosen ausgegeben worden waren.

All das soll schon seit den 70er-Jahren so vor sich gehen, "jeder weiß das", behauptet Pierre Claquin, ein in Bangladesch lebender Epidemiologe. In Bangladesch selbst wurden 1999 angeblich 96 Prozent der Kinder gegen Masern geimpft. Beim Nachrechnen kam eine unabhängige Studie jedoch nur auf 61 Prozent. Der Grund für die geschönten Zahlen, so Claquin: "Zu oft wurden Gesundheitsbeauftragten Strafen angedroht, falls sie die gesteckten Ziele nicht erreichen würden."

In Zukunft wollen WHO und Unicef die einlangenden Zahlen noch einmal gründlich überprüfen und sich "das Recht nehmen, den berichtenden Ländern zu widersprechen". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.11.2001, hk, Quelle: New Scientist online)

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