"Forscher müssten das Land verlassen"

20. November 2001, 19:30
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Stammzellforscher Otmar Wiestler möchte Nervenkrankheiten mit embryonalen Zellen zu Leibe rücken - Ein Nein wäre nicht die einzige Hürde für das Projekt

Bonn/Graz/Wien - Der deutsche Neuropathologe Otmar Wiestler will Presseberichte von einem wahrscheinlichen Nein des Nationalen Ethikrates zur Embryoforschung Ende des Monats nicht glauben. "Nach der Information, die wir haben", sagt der Forscher der Uni Bonn gegenüber dem STANDARD, "wird sich der Rat mehrheitlich für eine Forschung an importierten Zellen aussprechen." Und damit für Wiestlers Projekt, Stammzellen zur Reparatur von Nerven- krankheiten einzusetzen.

Und wenn die für die Importfrage entscheidende Deutsche Forschungsgemeinschaft Anfang Dezember Nein sagt? "Sollte Forschung mit embryonalen Stammzellen völlig unterbunden werden", sagt Wiestler, "müssten die Forschergruppen, die sich schwerpunktmäßig damit befassen, das Land verlassen. Da wird kein Weg vorbeiführen." Er bleibe aber Optimist.

Und das, obwohl Dolly-"Vater" und Stammzellforscher Alan Colman die Zukunft nicht in der Stammzellgabe, sondern in der Anregung im Körper befindlicher Zellen sieht? "Ein Medikament zu geben und so vorhandene Zellen zur Teilung und Ausreifung anzuregen", relativiert Wiestler, "liegt besonders weit in der Zukunft." Und grundsätzlich: "Die Forschung ist noch in einem frühen Stadium. Alle Prognosen sind mit Vorsicht zu genießen."

In seinem Gebiet, der Neurologie, lautet das Ziel: "Zellen, die zugrunde gegangen sind, breit durch Spenderzellen substituieren." Eine "Perspektive", zugleich aber auch eine "Grenze" der Stammzellanwendung (über beides referiert Wiestler am Donnerstag in Graz*). Denn "in der Regel werden es fremde Zellen sein, deren Erbgut nicht ident ist mit dem Behandelten". Daher ist mit der Abstoßung durch das Immunsystem zu rechnen. Aber auch dagegen sind drei Methoden in Arbeit, berichtet Wiestler: "Man könnte künftig die Zellen dank Erkenntnissen der Immunologie so präparieren, dass die Abstoßung gedämpft ist. Oder - wie heute bei Organen - vor der Transplantation eine Verträglichkeitsprüfung machen. Oder medikamentös gegen die Abstoßung vorgehen."

Weitere Grenze: die Menge. Einzig die ethisch problematischen embryonalen Stammzellen vermehren sich praktisch grenzenlos. Adulte, also etwa Knochenmarksstammzellen, ließen sich derzeit noch nicht außerhalb des Körpers vervielfältigen.

Gerade für sein Gebiet sieht Wiestler im Krebspotenzial der Embryozellen, wie es in Wien auch von Alan Colman thematisiert wurde, keine entscheidende Hürde. "Wenn man sie in unreifer, ungereinigter Form in den Körper einbringt, wuchern sie, Missbildungsgeschwülste entstehen - ein Problem, das man im Auge behalten muss. Aber wir haben bei der Umwandlung in Nervenzellen an den Versuchstieren nie solche Tumoren beobachtet."

*Wiestler spricht Donnerstag, den 22. 11., auf dem Symposium "Der machbare Mensch" der Akademie Graz im Kulturzentrum bei den Minoriten, Mariahilferplatz 3, 8020 Graz. Weiterer Referent: Kurt Zatloukal, Grazer Pathologe und Mitglied der Ethikkommission der Regierung. Ab 14.30 Uhr. Eintritt: 250 S (rund 18 Euro). (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.11.2001)

Von Roland Schönbauer
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