Vom Referendum zum "Never-endum"

20. November 2001, 19:36
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Unter dem Deckmantel der Vereinheitlichung und Regulierung werden von 20.000 Beamten der EU-Verwaltung zum Leidwesen aller Europäer Verordnungen und Normen kreiert, die das Amtsblatt der europäischen Union schon jetzt auf 50.000 Seiten anschwellen lassen. Es gibt kaum einen Lebensbereich, der in einem der 432 (!) Ausschüsse für dringenden Regulierungsbedarf verschont bleibt. Im Streit um Begriffe wird dann aus einem Referendum schon meist ein "Never-endum".

In ihrem kürzlich erschienenen Buch "Jenseits von Brüssel" zeigen die Autoren die Gründe für den Reformstau und Entwicklungsstillstand der Europäischen Idee auf. Noch vor der Einführung der gemeinsamen Währung ist der Europäische Binnenmarkt, als eines der herausragenden politischen Ziele, bereits überholt und Episode.

Die Globalisierung - begünstigt von der Digitalisierung und dem "death of distance" als zweiter treibender Kraft - löst nicht nur die Einheit zwischen Volkswirtschaft und Nationalstaat auf, sondern auch die Ländergrenzen und dies ganz ohne Zutun des politischen Europa.

Da durch die Globalisierung die "Ökonomie als Treibsatz" Bedeutung verliert, sehen die Autoren in der "Besinnung auf die Vielfalt der Kulturen und die reiche europäische Kulturgeschichte die Besonderheit und Faszination Europas. Diese kulturellen Eigenheiten Europas haben weit mehr zur ökonomischen Dynamik dieses Kontinents beigetragen als alle Bodenschätze, klimatischen und geographischen Vorteile zusammen." Dass ein vereintes Europa seit Karl dem Großen eine "unglaubliche Erfolgsstory" ist und die Globalisierung in Wahrheit eine Europäisierung, weckt Neugier und Hoffnung. (Von Fridolin Angerer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.11.2001)

H. A. Henzler, L. Späth: Jenseits von Brüssel. Warum wir die europäische Idee neu erfinden müssen. Econ, München 2001 240 Seiten, 302 S, 21,95 €
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