Bildungsrucksack, neu geschnürt

20. November 2001, 19:15
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Was sollen Schulabsolventen eigentlich wissen?

Christian Pichler, HTL-Schüler aus Wiener Neustadt, zeigte im Vorjahr den Amis, wo Gott wohnt: Beim US-weiten Wettbewerb "Intel International Science und Engineering Fair" katapultierte sich der Niederösterreicher, der das vierte HTL-Jahr in Cheyenne, Wy- oming, verbrachte, mit einem Computerprogramm ("Dichte- daten des menschlichen Körpers") unter die besten drei der USA. Womit wieder einmal bestätigt wurde, dass die heimischen Berufsbildenden Höheren Schulen (BHS) Spitze sind. Die USA und osteuropäische Länder sind an diesem Vorzeigemodell besonders interessiert. In OECD-Studien wird den Absolventen technischer BHS quasi Hochschulstatus attestiert.

Doch nicht in allen Schultypen herrscht eitel Wonne: Trotz Reformbestrebungen verkommt die Hauptschule in städtischen Gebieten zum Ausländergetto. In den AHS wird über veralteten sowie schlecht aufbereiteten Lehrstoff geklagt, und ohne Nachhilfeunterricht ist spätestens die Oberstufe kaum bewältigbar. Das eigentliche Ziel - Allgemeinbildung - ist längst nicht mehr klar definiert. "Bildung ist zu einem Schattenreich geworden. In ihm sind die Vorstellungen davon verdampft, was man eigentlich lernen soll", hält Dieter Schwanitz, Bestsellerautor und ehemaliger Professor an der Uni Hamburg, fest. Er hat das Problem auf seine Weise gelöst und vor zwei Jahren einen dicken Wälzer auf den Markt gebracht mit dem Titel "Bildung. Alles, was man wissen muss" (Eichborn-Verlag). Mag sein, dass es vor allem die "Millionenshow" ist, die den Wert der Allgemeinbildung gegenwärtig wieder ins Licht der Öffentlichkeit rückt.

Wie steht's eigentlich um die Leistungen der Schüler? In einer internationalen Vergleichsstudie zu Mathematik haben die österreichischen Volksschüler ausgezeichnet abgeschnitten, die AHS-Oberstufenschüler hingegen verheerend. Ein Problem der heimischen allgemein bildenden Gymnasien scheint die mangelhafte Anwendungsorientierung in den Naturwissenschaften zu sein. Zumindest in der Oberstufe sollte der Lehrer als allwissender Meister, der das Fach einfach nur vorbetet, ausgedient haben, heißt es im Bildungsressort.

Die nächste Untersuchung wird am 4. Dezember präsentiert: eine OECD-Studie zur Lesefähigkeit. Über die Ergebnisse wird noch geschwiegen. In einer Studie über die Lesefertigkeiten österreichischer Volksschulkinder kam heraus, dass zwei Drittel sehr gut lesen. Rund fünf Prozent gelten als extrem leseschwach.

Im Bereich der Fremdsprachen wiederum gilt Österreich als innovativ, wie Dagmar Heindler, Leiterin des österreichischen Sprachenkompetenzzentrums in Graz, berichtet. In Zukunft müssten auch andere Fächer in Fremdsprachen - vor allem in Englisch - unterrichtet werden, wünscht sie sich. Das bedinge aber hohe Investitionen in die Schule. Noch wenig Antworten hat das heimische Schulwesen auf die EU-Osterweiterung gefunden. Eine Konferenz an der Uni Wien befasst sich demnächst damit. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.11.2001)

Die "Millionenshow" rückt schlechte Allgemeinbildung ins grelle Licht der Öffentlichkeit. Was sollen Schulabsolventen eigentlich wissen? Und wie soll es vermittelt werden? Martina Salomon und Peter Mayr befragten Experten, die von und mit der Schule leben.

Diskussionsreihe:
22. 11. 2001: Können die Schü- ler noch Deutsch?, Haus der Musik, Seilerstätte 30, 19.30 Uhr;
29. 11. 2001: Macht Latein noch Sinn?
6. 12. 2001: Ethikunterricht statt Religion?

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