Unübersehbarer Wink - von Samo Kobenter

20. November 2001, 20:40
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Zweifellos erreicht jeder halbwegs gesunde Mensch im Lauf seines Lebens eine Phase, in der er das Ungestüm der Jugend nicht als Qualität für sich betrachtet und dem Alter schon so skeptisch gegenübersteht, dass er sich von ihm nicht automatisch einen Zugewinn an Weisheit und Erkenntnis erwartet. Diese setzt in der Regel um das 40. Lebensjahr ein und fördert in der Literatur und anderen schönen Künsten oft eindrucksvolle Zeugnisse reifer Schaffenskraft zutage.

In der Politik tickt die biologische Uhr oft weniger verlässlich, und mancher, der sie als intellektueller Greis betreten hat, verlässt sie als verspieltes Kind. So ist es auch verständlich, dass manch Älterer in Mahnungen nach Verjüngung, wie sie zuletzt Michael Häupl - ein Mann im besten Saft - geäußert hat, eher ein vergiftetes Tränklein als ein belebendes Elixier wittert. Gerade die SPÖ hat sich im Lauf der Zeit als Partei erwiesen, die mit ihren Wählern in die Jahre gekommen ist. Ihnen, besonders aber den Funktionären, die sie durch diese Ära begleitet haben, dürften die jungen Wilden nicht ganz geheuer sein, die nun am Ruder der Partei stehen und die der Jugend, um die sich die SPÖ bemüht, so jung bestimmt nicht erscheinen. Von den heute 20-Jährigen erinnert sich niemand an den aufmüpfigen Josef Cap, und vom Revoluzzer Alfred Gusenbauer haben sie bestenfalls den immer wieder kleinformatig aufbereiteten Zungenkuss vor Augen, mit dem er einst die sowjetische Erde begrüßte.

Alter allein macht Qualität nicht aus, meint Cap und verweist auf Rudolf Edlinger. Gerade der ist das falsche, weil richtige Beispiel: Hätte die SPÖ mehrere Junge in Edlingers Frische, sie müsste sich um die Alten keine Gedanken machen. Die Funktionäre, die aus Begabung immer schon alt waren, werden den Wink verstanden haben: Ihre Zeit läuft ab, unwiderruflich. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.11.2001)

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