Schmugglermafia bei Hilfslieferungen behilflich

20. November 2001, 15:45
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Hilfsorganisationen fürchten Wintereinbruch - Sicherheitslage verschlechtert

Bern/Peshawar - Nach dem Rückzug der Taliban wollen die internationalen Hilfsorganisationen ihre Tätigkeit in Afghanistan wieder aufnehmen. Doch die unklare Sicherheitslage lässt eine Hilfsgüterverteilung im großen Stil derzeit nicht zu. Das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) hat zwei hochrangige Mitarbeiter nach Kabul geschickt, die dort zunächst die Sicherheitslage abklären sollen. "Auch nach Jalalabad, Kandahar und Mazar-i-Sharif wollen wir wieder internationale Mitarbeiter schicken", erklärte UNHCR-Sprecher Chris Janowski in Peshawar.

Der Afghanistan-Verantwortliche des Kinderhilfwerks "terre des hommes", Reinhard Fichtel, hält die aktuelle Lage in Afghanistan für unsicherer als unter den Taliban. Besonders im Süden gebe es Überfälle und Räuberei. Normale Lkw-Fahrer weigerten sich, nach Afghanistan zu fahren, berichtet Fichtel. "Nur mit Hilfe der Schmugglermafia konnten wir einen Konvoi mit Arzneimitteln ins Land bringen". 7,5 Millionen Menschen bräuchten unbedingt Hilfe, doch durch die Bombardements haben die Hilfsorganisationen zwei Monate verloren. Selbst wenn die Straßen passierbar wären, würden ihnen jetzt die Strukturen fehlen, um Nahrung und Hilfsgüter auch in abgelegene Regionen zu bringen.

Prekäre Versorgungslage

Nach der dreijährigen Dürre und dem andauernden Krieg haben viele Menschen ihre Dörfer verlassen, um anderswo im Landesinneren nach Überlebensmöglichkeiten zu suchen. "Im Norden von Ghasni konnten wir die Situation auf dem Land in Augenschein nehmen. Die Versorgungslage ist sehr prekär", sagt Christine Marcilly von "Ärzte ohne Grenzen" (MSF) in Paris.

Angesichts des hereinbrechenden Winters befürchtet Fichtel in Afghanistan eine "menschliche Tragödie". Auch der Afghanistan-Verantwortliche von "MedAir", Phillip Greene, befürchtet, dass die leidgeprüften Menschen in abgelegenen Bergregionen nicht mehr rechtzeitig vor dem Winter versorgt werden können.

Alle Hilfsorganisationen versuchten, so schnell wie möglich noch ins Land zu kommen, aber die Zeit wird knapp. Bestimmte Regionen seien nur noch im November zugänglich. "Danach kommen Sie auch nicht mehr raus", erzählt der Afghanistan-erfahrene Projektleiter Greene.

Zum Winter kommt die Gefahr einer Aufteilung des Landes in eine Vielzahl von Herrschaftsgebieten wie zur Zeit vor den Taliban. In Kabul haben Mitarbeiter von "MedAir" bereits die Aufteilung der Stadt in Herrschaftsdistrikte beobachtet, in denen sich die Angehörigen der verschiedenen Ethnien zusammenfinden. Auch in den Provinzen etablieren sich einzelne Kommandanten.

"Unterschiedliche Kontrollzonen würden uns zwingen, immer wieder Kontrollpunkte verschiedenster lokaler Herrscher passieren zu müssen", erläutet Janowski. Für die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen bedeutet das Fehlen einer starken Zentralmacht ein zusätzliches Sicherheitsrisiko.

Ob und wie Hilfsgüter jetzt wieder ins afghanische Landesinnere transportiert werden können, wird von den internationalen Hilfsorganisationen derzeit geklärt. So will auch die Caritas ein neues Team zusammenstellen, das prüfen soll, wie die Lieferung von Haushaltsgeschirr, Decken und Waschutensilien von Kabul und anderen großen Städten auf abgelegenere Gebiete ausgedehnt werden kann. (APA/sda)

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