Prozessbeginn neun Jahre nach Rostocker Krawallen

20. November 2001, 14:53
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Angeklagten wird Brandanschlag auf Ausländerunterkunft vorgeworfen

Schwerin - Neun Jahre nach den schweren fremdenfeindlichen Krawallen in Rostock-Lichtenhagen hat vor dem Schweriner Landgericht am Dienstag ein Prozess gegen drei junge Männer begonnen, denen ein Brandanschlag auf eine Ausländerunterkunft vorgeworfen hat. Die Staatsanwaltschaft hat sie wegen gemeinschaftlich versuchten Mordes, schwerer Brandstiftung und schweren Landfriedensbruchs angeklagt. Die Verteidigung forderte zum Prozessauftakt die Einstellung des Verfahrens und begründete dies mit der seither vergangenen Zeit. Außerdem sei die nach dem Jugendstrafrecht angestrebte erzieherische Wirkung auf die jetzt 26 bis 28 Jahre alten Männer nicht mehr zu erwarten.

Die zur Tatzeit jugendlichen beziehungsweise heranwachsenden Angeklagten sollen sich im August 1992 mit Brandsätzen an dem Anschlag auf die Ausländerunterkunft im Rostocker Plattenbauviertel Lichtenhagen beteiligt haben. Dabei nahmen sie laut Anklage den Tod von Menschen billigend in Kauf, heißt es in der Anklage. "Ihr Motiv war Ausländerhass", sagte Staatsanwalt Wulf Kollorz. In dem Haus hatten sich zurzeit des Anschlags über 100 vietnamesische Arbeiter mit ihren Familien, ein Kamerateam des ZDF und der Rostocker Ausländerbeauftragte Wolfgang Richter aufgehalten. Sie waren den Flammen durch Flucht über die Dächer entkommen.

Richter und einer der Vietnamesen treten in dem Prozess als Nebenkläger auf. "Wir wollen, dass endlich bei einem dieser Verfahren auch die Opfer vorkommen", sagte Richter. Im August 1992 hatten rechtsradikale Jugendliche unter dem Beifall vieler Bewohner des Viertels Jagd auf Ausländer gemacht und die Verlegung der zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber aus Rostock-Lichtenhagen erzwungen. Der zunächst völlig unvorbereiteten Polizei war es erst nach mehrtägigen Straßenschlachten gelungen, die Krawalle einzudämmen.

Bereits unmittelbar nach den Krawallen waren Beteiligte in über 30 Verfahren abgeurteilt worden. Das Schweriner Landgericht begründete die lange Verfahrensdauer mit Überlastung durch Fälle, bei denen Angeklagte in Untersuchungshaft gewesen seien. Die drei Angeklagten seien jedoch in Freiheit gewesen, so dass bis zur Anklageerhebung noch einmal mehr als sechs Jahre vergingen. Auch die Staatsanwaltschaft wies Vorwürfe gegen die einzige Jugendstrafkammer in Mecklenburg-Vorpommerns Landeshauptstadt zurück. Justizminister Erwin Sellering (SPD) nannte die lange Verfahrensdauer einen "Ausreißer", der nicht vorkommen dürfe. Die Justiz sei knapp, aber angemessen ausgestattet. Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt. (APA/Reuters)

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