Kfz-Techniker und Autofahrerclubs gegen längere Pickerl-Intervalle

20. November 2001, 12:52
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Experten warnen vor Gefahren durch hohe Abgaswerte und defekte Fahrzeuge

Wien - Die geplante Verlängerung bei der Kfz-Überprüfung bei Neuwagen kritisieren das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV), die Autofahrerclubs ÖAMTC und ARBÖ, die Bundesinnung der Kraftfahrzeugtechniker und Wissenschafter von der Technischen Universität. Auf einer Pressekonferenz am Dienstag in Wien verlangten die Organisationen, dass die Idee nochmals überdacht und nicht am Mittwoch im Parlament beschlossen werde.

Umweltschutz und Verkehrssicherheit

Mit der jährlichen Überprüfung habe Österreich eine Vorreiterrolle bei Umweltschutz und Verkehrssicherheit in Europa, waren sich die Fachleute einig. Laut den Mängelberichten hätten etwa 1,4 Prozent der ein Jahr alten Fahrzeuge bereits das Pickerl nicht erhalten.

Der Experte für Verbrennungskraftmaschinen der TU-Wien, Dipl. Ing. Peter Lenz, schätzte, das ohne jährliche Überprüfung etwa 30.000 bis 50.000 Fahrzeuge mit schweren Mängeln unterwegs wären, davon rund 15.000 mit Defekten am Bremssystem. So müsste nach Herstellerangaben alle zwei Jahre die Bremsflüssigkeit gewechselt werden. Nach Schätzungen von Lenz würden etwa fünf Prozent der Fahrzeuge in Zukunft mit einem defekten Abgasreinigungssystem unterwegs sein. Diese Gruppe würde aber etwa 50 Prozent des CO-Ausstoßes ausmachen.

Verwaltungsausschuss

Alois Edelsbrunner von der Bundesinnung der Kfz-Techniker kritisierte, dass die Pickerl-Änderungen nicht im Verkehrs- sondern im Verwaltungsausschuss des Parlaments behandelt wurden. Dabei seien "Experten ausgeschaltet werden". Verkehrsministerin Monika Forstinger (F) sei die fundierte Meinung der eigenen Experten schuldig geblieben. Deshalb habe man sich mit dem Hinweis auf Gefahren für den Umweltschutz in einem offenen Brief auch an Umweltminister Wilhelm Molterer (V) gewandt.

"Wann ein Mangel auftritt, bleibt dem Zufall überlassen", erklärte Kurt Vavryn, Leiter der Abteilung Fahrausbildung und Fahrzeugtechnik des KfV. Bei einer Vollbremsung sei es etwa möglich, dass ein neuer Wagen plötzlich einen Haken schlägt, weil das Bremssystem nicht überprüft wurde. Der Lenker könne diese oft "schleichenden" Schäden nicht selbst bewerten. Aus Sicht der Verkehrssicherheit sei nur vertretbar, dass die Erstbegutachtung bei Neufahrzeugen spätestens nach zwei Jahren, dann wieder jährlich erfolgt. Der Aspekt des Umweltschutzes sei dabei aber noch nicht berücksichtigt.

Vorschlag "Pickerl light"

Während die EU in regelmäßigen Abständen die Kontrollen verschärfe, gehe Österreich den umgekehrten Weg, warnte ARBÖ-Präsident Rudolf Hellar. Er kritisierte die mangelnde Gesprächsbereitschaft des Verkehrsministeriums und forderte die Parlamentarierer auf, bei der Abstimmung über die Verwaltungsreform morgen, Mittwoch, nicht an den Clubzwang zu denken, sondern an den Umweltschutz und die Sicherheit der Österreicher.

Der ÖAMTC begrüße alles, das Geld und Bürokratie spart, erklärte der Generalsekretär des Clubs, Hans Peter Halouska. Es sei aber nicht nötig und sogar gefährlich, eine Bestimmung zu ändern, die auch bei den Autofahrern auf keinerlei Widerstand stößt. Er könne sich nur einen "Kompromiss ohne Kompromiss", das "Pickerl light" vorstellen. Dabei falle im ersten Jahr die Prüfung aus, im zweiten Jahr gebe es einen kurzen Sicherheits- und Abgas-Check. Ist der Wagen drei Jahre alt, solle der volle Umfang der Pickerlüberprüfung gelten.

Mit dieser Idee könne sich auch das KfV anfreunden, erklärte Kurt Vavryn, Leiter der Abteilung Fahrausbildung und Fahrzeugtechnik. Wenn ab 1. Jänner 2002 die Garantiezeit bei Neuwagen auf zwei Jahre verlängert wird, gebe es noch vor Ablauf der Frist einen "konsumentenfreundlichen" Check.

Ein "Geschäft" sind die Pickerlprüfungen laut den Organisationen jedenfalls keines. Der Vorzugspreis für Mitglieder bei den Autofahrerorganisationen sei nicht Kosten deckend, es kämen vorwiegend ältere Fahrzeuge, bei denen die Tests mehr Zeit in Anspruch nehmen. Ähnlich sei das Bild bei den Kfz-Werkstätten, so Alois Edelsbrunner von der Bundesinnung der Kfz-Techniker. Beim Jahresservice werde die Überprüfung zumeist mitgemacht - ohne großen Aufschlag. Gemeinsam habe man aber dem Ministerium sparen geholfen, da nicht mehr staatliche Stellen die Checks durchführen, wie noch Anfang der Siebziger üblich.

Die Innung könne sich durchaus vorstellen, im Zuge von Jahreschecks gegen Verrechnung der Kosten für das Pickerl von 20 Schilling auch die Sicherheit zu prüfen. Eine Gefahr bleibe laut den Experten aber weiterhin bestehen: Kfz-Besitzer, die ihre Autos nicht warten lassen oder ein Unfallfahrzeug schlecht repariert haben, könnten jahrelang unentdeckt bleiben. (APA)

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