Karl Schwarzenberg: "Sie lassen die Sau raus"

20. November 2001, 12:01
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Der Ex-Berater Havels spricht im Interview mit der Wiener Stadtzeitung Falter über Braunkohle, Temelin und seinen begrenzten Einfluss

Fürst Karl Schwarzenberg, ehemaliger Kabinettchef von Vaclav Havel, spricht im Falter-interview über seinen begrenzten Einfluß, tschechische Braunkohle, längst fällige Entschuldigungen, die Korruption im Nachbarland und was er von den Bordell-Besuchen der Österreicher an der Grenze hält

Falter: Herr Schwarzenberg, wieviel Macht haben Sie?

Karl Schwarzenberg: Keine.

Das sagen immer jene Leute, die viel Macht haben. Hans Dichand sagt auch, er habe keine Macht, er streichle lieber seinen Hund ...

Bei mir ist das keine Koketterie. Ich habe nur einen sehr begrenzten Einfluß.

Sie sind aber Zeitungseigentümer, mit dem tschechischen Präsidenten Vaclav Havel gut befreundet und stehen dem oppositionellen Mitte-Rechts-Bündnis nahe ...

Der Chefredakteur von Respekt, Petr Holub, läßt sich von mir nichts sagen, Gott sei Dank. Und ich sag ihm auch nichts.

Und wie steht es mit Ihrem Einfluß auf Vaclav Havel?

Schauen Sie, auf den Havel hat nie jemand wirklich einen Einfluß gehabt, um die Wahrheit zu sagen. Ich glaube, niemand kann behaupten, mit Ausnahme der verstorbenen Frau Olga, dass er auf ihn gehört hätte.

Zu den Atomkraftwerken: An unseren Grenzen gibt es ja mehrere, für uns in Österreicher existiert aber nur eines. Sind wir da zu hysterisch?

In Wahrheit eignet sich das Thema Temelin innenpolitisch sehr gut. Von allen, die da jetzt aufgeganselt sind, ist, glaube ich, nur für einige Grüne, einige Sozialdemokraten und einen Teil der Bevölkerung das wirkliche Problem die Atomenergie. Es gibt gar keinen Zweifel, dass die Beziehungen zwischen Österreich und Tschechien belastet sind. Ich erinnere an 1938 bis 1945 und die Vetreibung der Sudetendeutschen.

In den 80er Jahren sind die Tschechen in den Popularitätswerten bei österreichischen Umfragen schlechter weggekommen als die Juden. Jeder vernünftige Mensch würde sich eigentlich sagen, "ein neues Kraftwerk ist sicherer als ein älteres", aber ich habe den Herrn Landeshauptmann Pühringer noch nie an der Bayrischen Grenze demonstrieren gesehen. Aber das ist halt deutsche Qualitätsarbeit und nicht tschechische. Es ist schwer, die Beziehungen sachlich durchzudiskutieren, zumal sich die Kronen Zeitung dieses Themas angenommen hat.

Havel hat sich ebenfalls für eine Schließung von Temelin ausgesprochen. Er meinte, dass er sich "nicht mehr gegen das Kraftwerk engagiert" habe, sei "der größte Fehler" seiner Amtszeit.

Stimmt. Havel ist sehr skeptisch gegenüber Kernkraft, wie viele ehemalige Dissidenten.

Die Grünen möchten den Tschechen deshalb eine finanzielle Ausstiegshilfe anbieten.

Den Abgeordneten möchte ich sehen, der dafür stimmen würde, so viele Milliarden aufzuwenden! Abgesehen davon, hat Östereich die Donau und Kaprun. Und Tschechien nur die Braunkohle. Je tiefer man in den Schichten gegangen ist, desto schlechter, schwefelhältiger ist sie geworden. Das, was in den letzten zehn Jahren abgebaut wurde, war ja reines Umweltgift, wir wissen ja um die Zusammenhänge mit dem Waldsterben. Ich bin ja auch nicht Kernkraft-begeistert, und mit dem Auto brauche ich von zu Hause 25 Minuten, dann stehe ich unter den Kühltürmen. Wenn also etwas ist, dann bin ich auch dahin.

Die Tschechen verstehen die Österreicher, die ja immerhin Zwentendorf verhindert haben, also nicht?

Nein, die Tschechen sind an Atomkraft gewöhnt. Sicher ärgert sich der Wirt an der Grenze, dessen Gäste wegen der Blockaden bei ihm ausbleiben. Aber meine lieben Landsleute haben auch einen sense of humour.

Es gibt also keine Antipathie gegen Österreich?

Wir züchten sie jetzt wieder mühsam in Böhmen. Es gab eine Antipathie gegen Österreich im Jahr 1918, durch die Gegensätze in der Monarchie und das unselige Militärregime in Böhmen in den ersten Jahren des Weltkriegs. Dann sind der Herr Hitler und der Herr Stalin gekommen und infolge dessen hat jeder Tscheche begriffen, dass es vorher eigentlich nicht so arg war. Später, im Jahr 1968, hat guten Eindruck gemacht, was Österreich und der ORF alles geleistet haben. Bis zum Jahr 1989 war der ORF ja noch die Informationsquelle von Preßbug über Südmähren bis nach Böhmen: Jeder, der zum Wochenende auf seine Chata (kleines Wochenendhaus, Anm.) gefahren ist, ist um halb acht zum Fernseher geeilt und hat die österreichsichen Nachrichten geschaut. Die Älteren, die Deutsch verstehen, haben dann die Nachrichten ihren Kindern erklärt. Deshalb hat Österreich bis heute einen Vertrauensvorschuss.

Als ehemaliger Berater von Havel, was würden Sie der österreichischen Regierung wegen Temelin nun raten?

Das Thema endlich versachlichen. Wenn man dauernd sagt, "das ist ein Schrottkraftwerk", verschließen sich halt auch die Gutwilligsten. Auch wenn ständig diese Veto-Drohungen kommen.

Kanzler Schüssel ist ein Gefangener seiner Situation: Neben ihm sitzt die Frau Vizekanzlerin und pocht auf ein Veto.

Ja, das ist ein Problem. Aber das ist in Prag dasselbe: Man sieht nur mehr das Parteieninteresse und nicht das Staatsinteresse. Zur Zeit klingt in Österreich schon sehr durch, "wir sind eine reiche EU-Macht und die G'scherten sollen sich einmal anstrengen, dass sie überhaupt reinkommen". Sicher hat auch Tschechien das Verhältnis zu Wien lange unterschätzt, man hat sich eher bemüht, zu Washington und Bonn ein gutes Verhältnis aufzubauen. Aber die Tatsche, dass Österreich die Autobahn nach Budapest sofort ausgebaut hat, während nach Brünn oder Prag nicht ein Kilometer gebaut wurde, sagt ebenfalls sehr viel aus. Und mit der Eisenbahn fahrt man jetzt länger als seinerzeit unter Seiner Majestät Kaiser Franz Josef.

Sie sind kein Freund der mehrjährigen Übergangsfristen für die Arbeitsnehmer, die Deutschland und Österreich für die Beitrittswerberländer in Brüssel durchgesetzt haben?

Stimmt. Ich halte sie für übertrieben. Die Skoda-Werke haben versucht, in Nordböhmen Arbeiter zu bekommen. Schnecken! Die Arbeit haben dann Polen und Ukrainer angenommen, weil die Leute in Tschechien ihr Häuschen haben und unbeweglich sind. Die Massen, die da nach Österreich kommen sollen, seh ich nicht.

Umgekehrt sehen es die Österreicher es wieder nicht so eng, wenn sie jetzt in Massen nach Tschechien fahren, um dort die Bordelle zu besuchen.

Genau! An jedem Grenzübergang sehen sie sieben oder mehr Puffs. Allein der Straße entlang stehen zwei Prozent aller Bordelle in Tschechien und ich seh mir immer die Autos an, die dort abgestellt sind: Durchwegs Wiener und Niederösterreichische Nummern. Es kostet weniger, und da lassen sie die Sau raus. Das regt niemand auf, dass dort der Menschenhandel blüht. Bitte, einige Frauen gehen sicher freiwillig in das Geschäft, aber da stehen auch genug Mädchen, die aus Rußland, der Ukraine oder der Slowakei verschleppt worden sind und die dann auch in den österreichischen Puffs gehalten werden. Und die österreichische und die tschechische Polizei sind säumig.

Das tschechische Gesetz kennt Prostitution nicht.

Entschuldigung, man kann ja diese Institutionen genau kontrollieren und nach den Pässen der Frauen fragen, aber da scheint es mit Kontrolle der Aufenthaltsbewilligungen und der Angst vor der Unterwanderung wieder doch nicht so weit her zu sein. Ich halte es für bemerkenswert, dass es erheblichere bürokratische Schwierigkeiten gibt, wenn man hier in einem Wiener Hotel einen Hilfskoch aus Brünn beschäftigen will, als wenn jemand ein Mädchen von drüben hierherbringt.

Was sagen Sie dazu, dass Tschechien die Benes-Dekrete gegen die Sudetendeutschen nicht aufheben will?

Die Benes-Dekrete widersprechen natürlich den Menschenrechten. Aber man vergißt gerne das Hasspotential, das vorher aufgebaut wurde. Und auch in Deutschland hat man sich nach den Reeducationsmaßnahmen der Amerikaner zunächst einmal nur mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Erst in den späten Fünfziger Jahren begannen die jungen Leute zu fragen: "Vater, Großvater, was hast du gemacht?" In Österreich ist das erst fünfzehn Jahre später losgegangen. Die Tschechen haben jetzt erst elf Jahre Zeit gehabt, und da war es ihnen wichtiger, zunächst einmal ihr Bad zu reparieren, auf auf ihren ersten Urlaub in Caorle zu sparen und der Tochter oder dem Sohn einen Studienaufenthalt im Ausland zu ermöglichen. Und jetzt gerade beginnt es unter den jungen Leuten wieder zu gären. Es waren die Brünner Studenten, die den Brünner Bürgermeister dazu gezwungen haben, endlich zum Brünner Todesmarsch eine Stellungnahme abzugeben.

Die Regierung hat es mit einer Aufarbeitung aber nicht so eilig?

Schauen Sie, wie seinerzeit in Österreich, wird da halt noch viel auf die alte Generation Rücksicht genommen. Die Restitution von Kunstwerken, wie sie jetzt stattfindet, wäre in den Fünziger Jahren in Österreich nicht möglich gewesen. Da wär' ein Volksaufststand ausgebrochen.

Präsident Havel hat sich ja ziemlich bald nach dem Fall des eisernen Vorhangs offiziell für die Vetreibung der Sudetendeutschen entschuldigt. Fürchtet die Regierung, dass sie mit einer solchen Geste dann auch Entschädigungszahlungen leisten müßte?

Vielleicht auch, trotzdem gehört längst eine Stellungnahme des Parlaments her, aber erst nachdem die letzten aus dem Parlament verschwunden sind, für die das ein Problem ist. Die Zerstörung der Tschechoslowakischen Republik mit allen Folgen und die Vetreibung der Deutschen kann ökonomisch ohnehin nicht aufgewogen werden. Da müssen beide Seiten einmal sagen: "Da sind scheußlichste Verbrechen geschehen".

Warum haben Sie eigentlich nie einen österreichischen Paß beantragt?

Ich bin mit der Schweizer und der tschechoslowakischen Staatsbürgerschaft geboren und kam dann 1948 hierher. Einen österreichischen Paß wollte ich deswegen nicht, weil bei mir die Versuchung, in die österreichische Politik einzutreten, zu groß gewesen wäre.

Auf die Restitution Ihres Familienvermögens nach dem Zusammenbruch des Kommunismus hätte es aber Einfluß gehabt, wenn Sie nicht mehr die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft gehabt hätten?

Aber das konnte ich nicht ahnen! Ich hätte mir das nie, nie, nie gedacht. Ich kann mich an meine maßlose Überraschung erinnern, als ich von einer Auslandsreise leicht verschlafen zurück nach Prag in die Burg gekommen bin, und mir der Sprecher des Präsidenten entgegengekommen ist. Er hat mich mich grinsend angesehen und gesagt: "Weißt du, dass du gestern wesentlich reicher geworden bist? Du weißt doch, dass gestern durch das Parlament das große Restituiongesetz gegangen ist?" Ich habe darauf nur gesagt: "Wassss?!"

Welches Amt hätte Sie denn in der ÖVP, nehmen wir einmal an, gereizt?

Den Josef Taus, damals Bundesparteiobmann, hat man einmal gefragt, ob die ÖVP nicht gut daran täte, mich für die Außenpolitik in Betracht zu ziehen. Er hat darauf geantwortet: "Mit dem Namen? Nie!"

Und jetzt?

Schauen Sie, ich bin alt geworden. Ich habe ohnehin immer irgendwo mitgemischt.

Und in Tschechien?

Auch dort bin ich nicht jünger. Wenn ich eine nützliche Arbeit machen kann, gern, aber keine Funktion. Ich kandidiere aber nicht bei den Wahlen nächstes Jahr, da kommt eine neue Generation. (red)

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