"Rettet Harry"

20. November 2001, 10:51
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Okkultismus-Vorwürfe in den USA - Deutscher Politiker gegen Freigabe des Films ab sechs Jahren

Los Angeles - Während Fans auf der ganzen Welt nicht genug von den Zauberkünsten des frechen Waisenjungen bekommen und Eltern sich freuen, dass ihre Kinder die Bücher nur so verschlingen, sehen Kritiker die Geschichten als Verherrlichung des Satanismus an. Vor allem in den USA gehen konservative Christen auf die Barrikaden gegen die "heidnischen" Geschichten des Waisenkindes Harry Potter, der die Zauberschule besucht und seine Künste gegen den bösen Lord Voldemort einsetzt.

Hexerei neu verpackt

Der kleine Zauberlehrling mit dem strubbeligen Haar ein böser Teufelsverehrer? "Harry Potter verleitet unsere Kinder zu Okkultismus", meint der 55-jährige Baptist David Bay, ein Spezialist für diese unchristlichen Bräuche. Als Beweis genügen ihm die Zickzack-Narben, die Harry Potters Gesicht zieren und dessen Fähigkeit, Menschen in andere Lebensformen zu verwandeln. "Den Kindern wird sogar in der Schule erzählt, dass es dabei um einen Kampf von Gut gegen Böse geht. Aber das ist Quatsch! Es ist weiße Magie, die gegen schwarze Magie kämpft, und beide beziehen ihre Kraft von Luzifer", erbost sich Bay. Ein Pastor aus Florida hat bereits seinen eigenen Gegenfilm gedreht: "Harry Potter: Hexerei neu verpackt - Wie man das Böse unschuldig aussehen lässt".

"Absurd"

Potter-Autorin Joanne K. Rowling bezeichnet die Vorwürfe als "absurd". Warner Brothers, die Produktionsfirma des Films, gibt sich gelassen. Mit gutem Grund: Schon jetzt steht fest, dass Harry Potter ein Kassenschlager wird. Nur eine kleine Minderheit von konservativen Christen wettere dagegen, heißt es aus Hollywood. Der Streit ist nicht neu: Schon die für ihre Kreativität gelobten Bücher, die eine regelrechte "Harrymania" auslösten, waren einigen fundamentalistischen Kritikern ein Dorn im Auge. Einige Bibliotheken in den USA und ein britisches Spielwarenkaufhaus haben darauf reagiert und Harry-Potter-Bücher aus dem Sortiment genommen.

Für Professor Leo Braudy von der University of Southern California in Los Angeles geht dieser Streit auf eine uralte Tradition zurück: "Es gab schon immer ein heidnisches Lager, das die Christen bis heute nicht ausrotten konnten. Das ärgert viele Leute."

Gegen Filmstart in Deutschland

Kurz vor dem Kinostart in Deutschland und Österreich hat der deutsche Bundestagsabgeordnete Benno Zierer (CSU) die Freigabe des Films "Harry Potter und der Stein der Weisen" ab sechs Jahren kritisiert und eine Intervention der Bundesregierung gefordert. "Für Sechsjährige ist so viel Okkultismus gefährlich", sagte Zierer der "Bild"-Zeitung (Dienstagausgabe). "Sie sind religiös nicht gefestigt und glauben alles, was sie sehen." Der Politiker forderte den deutschen Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin (SPD) auf einzuschreiten. "Am besten wäre es, den Film in Deutschland nicht zu zeigen, bis wir wissen, welche Auswirkungen er in anderen Ländern hat", zitiert die Zeitung den Politiker.

Ärger gibt es aber auch wegen des Werbevertrags, den die Produktionsfirma mit dem Getränkeriesen Coca Cola abgeschlossen hat. Dieser verführe die Kinder zum Verzehr von Junk Food, lautet der Vorwurf. Tatsächlich habe Werbung zu einem vermehrten Konsum des zuckersüßen Getränks gesorgt, weiß Michaael Jacobson vom "Zentrum für Wissenschaft im öffentlichen Interesse" in Washington. "Der Harry-Potter-Kult wurde in ein Verkaufsinstrument für flüssige Süßigkeiten verwandelt", schreibt Jacobson auf seiner Internetseite. Die trägt den Titel "Rettet Harry". (APA)

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