Mit Ultraschall gegen den Herztod

19. November 2001, 21:36
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Thrombosen bringen unbekämpft den Tod - doch sie lassen sich zerstören

Wien - Statistisch gesehen, erleidet etwa alle 40 Minuten irgendwo in Österreich jemand einen Herzinfarkt, ausgelöst durch ein Blutgerinnsel, das eines der Herzkranzgefäße verschließt und die Versorgung des Herzmuskels in bestimmten Bereichen unterbricht. Wenn der Blutfluss nicht rasch wiederhergestellt wird, ist das betroffene Muskelgewebe verloren, was bei etwa 15 Prozent der Herzinfarktpatienten binnen 30 Tagen zum Tod führt.

Eine Wiener Forschergruppe hat jetzt die Wiederherstellung des Blutflusses mit einer neuen Therapiemethode beschleunigt. Die Wissenschafter "beschießen" das Blutgerinnsel mit Ultraschall. In der täglichen Praxis wird die Thrombolyse, also die Auflösung des Blutgerinnsels, mit Medikamenten durchgeführt.

Das dafür derzeit beste Mittel ist das Thrombolytikum rt-PA, das dem Patienten in die Vene gespritzt wird. Für den Kardiologen Michael Gottsauner-Wolf ist das Präparat aber noch nicht gut genug: "Die Frage, die wir uns gestellt haben, war: Gibt es eine Möglichkeit, die Wirkung des rt-PA zu beschleunigen, um noch mehr Patienten retten zu können?"

Das Problem dabei: Weil das Blutgerinnsel sozusagen die Leitung verstopft, kann das Medikament nur sehr langsam in den gallertartigen Klumpen aus klebrigen Fibrinfäden, Blutplättchen und Blutkörperchen hineinsickern. Könnte man das Thrombolytikum rascher und tiefer in das Gerinnsel hineintransportieren, würde es die Fibrinfäden schneller in ihre Bestandteile auflösen.

Klumpen wegblasen

Die beste "Kraft" dafür sehen die Forscher im Ultraschall. Welche Energie in dessen Wellen steckt, zeigten die ersten Versuche mit künstlich hergestellten Gerinnseln: "Wir haben das Blutgerinnsel an einem Faden in eine Salzlösung gehängt und den Ultraschall eingeschaltet", erzählt der Physiker Ewald Benes lachend, "daraufhin hat es den Klumpen einfach weggeblasen."

Nach mehreren Versuchen bauten die Wissenschafter ein Phantom, sozusagen ein einfaches künstliches Herzkranzgefäß, aus einem Kunststoffröhrchen und einem Plexiglaskasten. In dieses Röhrchen wurde dann das Blutgerinnsel gestopft und hochfrequenten Ultraschallwellen mit verschiedener Stärke, Schallart und Frequenz ausgesetzt.

Die beste Wirkung erzielten die Forscher mit so genannten laufenden Wellen, einer Frequenz von zwei Megahertz und einem Rhythmus von einem Hertz - was dem menschlichen Herzschlag entspricht. Das Blutgerinnsel wurde dadurch in feine Schwingungen versetzt, lose Bestandteile herausgeschüttelt.

Außerdem entstand durch die Beschallung eine Mikro-wirbelströmung in dem vor dem Blutgerinnsel rückgestauten Blut, wodurch das Medikament rascher zum Blutgerinnsel gelangen und tiefer eindringen konnte. "Wir können damit die Wirkung von rt-PA um bis zu 45 Prozent steigern", berichtet Gottsauner-Wolf nicht ohne Stolz.

In der Praxis könnte die Thrombolyse mit Ultraschall eines Tages so aussehen: Ein Herzinfarktpatient bekommt vom Notarzt sofort ein kleines Gerät umgeschnallt, das Ultraschallwellen an das Herz schickt.

Gemeinsam mit dem verabreichten Medikament kann so das Blutgerinnsel rasch aufgelöst und der betroffene Bereich des Herzens wieder durchblutet werden.

Weil Ultraschall das beschallte Gewebe erwärmt, müssen vorher jedoch wei- tere Versuche gemacht werden, um negative Auswirkungen der Therapie auszuschließen.

Diese Experimente werden ebenfalls mit Phantomen durchgeführt, um unnötige Tierversuche zu vermeiden. Im Laufe des kommenden Jahres sollen dann erste klinische Studien an Patienten folgen, konkret an Blutgerinnseln in den Beinen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 11. 2001)

Thrombosen bringen - unbekämpft - den Tod. Vermeiden lassen sie sich bei längerem Liegen oder Fliegen kaum, daher verbesserten Wiener Wissenschafter die Zerstörung der Blutgerinnsel mit einer neuen Methode: Beschallung.

Von STANDARD-Mitarbeiterin Sonja Bettel
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