Namibias neue Urtiere

20. November 2001, 20:25
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Salzburger erforschen Bodenbewohner in der Wüste Namib

Windhuk/Salzburg/Wien - Alles hat klein angefangen - auch das Leben. Und bis heute bieten so genannte Urtiere, einzellige Protozoen, einen faszinierenden Einblick in früheste Organisationsformen der Biosphäre. "Das Bemerkenswerte ist, dass diese mit freiem Auge meist gar nicht sichtbaren Einzeller schon Dinge leisten, für die den Vielzellern eine Unzahl von spezialisierten Zellen zur Verfügung stehen", erklärt Wilhelm Foissner, Zoologe an der Universität Salzburg und international renommierter Pionier der Protozoen-Forschung.

"So ein winziges Pünktchen verfügt über einen hochkomplizierten Stoffwechsel, um die Energie für sämtliche Lebensvorgänge zu erzeugen, es kann auf Umweltreize reagieren und sich fortpflanzen."

Foissners Spezialgebiet sind die "bodenlebenden einzelligen Tiere": "Als ich 1980 begann, mich mit Bodenprotozoen zu beschäftigen, galt die Lehrmeinung, dass nur wenige aus dem Wasser eingewanderte Formen existieren würden. Im Gegensatz dazu fand ich bald eine Vielzahl von hochinteressanten Arten." Seither hat Foissner weltweit Bodenproben auf Amöben, Sporentiere, Geißeltiere (Flagellaten) und Wimpertiere (Ciliaten) untersucht, seit 1997 leitete er auch ein vom FWF gefördertes Projekt zur Erforschung der Ciliaten-Fauna an ausgewählten Standorten in Namibia.

Einmalige Etoscha

"1994 finanzierte ich privat eine Expedition in die Etoscha-Pfanne", schildert Foissner die Anfänge des Projekts, "dieses Gebiet ist ja eines der ungewöhnlichsten der Erde. Bei dieser Pilotstudie fand ich in zwölf Bodenproben 150 Ciliaten-Arten, 50 davon waren unbekannt. Für mich stand fest, dass Etoscha ein Biodiversitätszentrum für Ciliaten darstellt."

Und die Ergebnisse des aktuellen Projekts geben ihm Recht. Foissners Team fand in 73 Proben 380 Ciliaten-Arten, darunter über 100 Unbekannte. Insgesamt machen die neu entdeckten Arten mehr als ein Drittel aller festgestellten aus.

"In der Namib-Wüste fanden wir 13 neue Arten, diese dürften weltweit nur dort vorkommen. Die artenreichste Probe entnahmen wir Wegpfützen auf einer Farm am Rande der Wüste", berichtet Foissner. "Bemerkenswerte Biodiversität herrscht auch in den sehr salzhaltigen Böden der Etoscha-Pfanne, da waren 51 Spezies nicht beschrieben."

Die Bodenproben wurden luftgetrocknet und im Labor der Uni Salzburg aufbereitet. "Zur Bestimmung", erläutert Foissner, "haben wir die sich entwickelnden Ciliaten nach der Befeuchtung der Proben lichtmikroskopisch beobachtet. Weitere Untersuchungen erfolgten mittels Silberimprägnation, die das Wimpernmuster des jeweiligen Tieres und seinen Zellkern gut sichtbar macht, sowie mit dem Rasterelektronenmikroskop." Bei schwer zu klassifizierenden Arten wurde auch die Zellteilung detailliert beschrieben.

Insgesamt wurden 225 Arten in 3500 Zeichnungen und 2350 Fotos dokumentiert. Die entdeckten Wimpertiere umfassen in der Kategorisierung der Organismen eine neue Ordnung sowie eine Unterordnung, drei Familien, 26 neue Gattungen und sechs Untergattungen. "Bisher wurde die Zahl sämtlicher Ciliaten, nicht nur der im Boden, sondern auch der im Wasser lebenden, auf 3000 geschätzt, unsere Untersuchungen zeigen, dass es bestimmt weit mehr gibt", schließt Foissner aus dem Namibia-Projekt.

Als die technische Entwicklung immer deutlichere Einblicke in die Welt der Einzeller bot, faszinierte immer auch deren Formenvielfalt die Betrachter am Mikroskop. Und von bizarrer Ästhetik sind auch die neu entdeckten Wimpertiere aus Namibia: Spathidium namibicola zum Beispiel, ein schlanker, mit vertikalen Wimpernreihen bedeckter Räuber, der seine Beute, andere Wimpertiere, mit kleinen Giftpfeilen tötet, die er in der Mundöffnung trägt. Oder Bilamellophryga etoschensis, die am gesamten Zellkörper winzige Schuppen mit unbekannter Funktion trägt.

"Erfreulicherweise", sagt Wilhelm Foissner, "ist in Österreich noch reine Grundlagenforschung möglich, die nicht sofort wirtschaftliche Nutzanwendungen zeitigt. Und es ist auch zu hoffen, dass die einmaligen Biotope in Namibia nicht Opfer wirtschaftlicher Interessen werden." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 11. 2001)

Von STANDARD-Mitarbeiterin Andrea Dee
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