Für alle reicht das Meer bald nicht mehr

20. November 2001, 12:39
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Die Gefahr besteht, dass "weite Teile des Meeres bald vollkommen fischfrei sind"

Eine halbe Stunde lang, nicht länger, habe ein mauretanischer Fischer vor 20 Jahren gebraucht, um ausreichend Makrelen, Sardinen und Thunfische aus dem Meer zu holen, erzählt Corinna Milborn vom World Wide Fund for Nature (WWF). Heutzutage müsse der Mann schon vier Stunden investieren, und auch dann komme er "nur mit einem Drittel des früheren Fanges" heim: "Die Küstengewässer vor Westafrika werden heillos überfischt."

Und zwar von den Großen, den Fangflotten aus der EU und aus Japan, die aufgrund schwindender Fischpopulationen daheim in südliche Gewässer auswichen. Gehe das noch längere Zeit so weiter, bestehe die Gefahr, "dass weite Teile des Meeres bald vollkommen fischfrei sind", fürchtet die WWF-Handels-und -Investitionsexpertin.

Diese Gefahr schätzt auch Rainer Herrmann von der Firma Iglo als "durchaus real" ein. Umdenken tue deshalb Not, meint der Verkaufsdirektor von Österreichs größtem Tiefkühlfischanbieter aus dem Unilever-Konzern. Jährlich werden von dem Unternehmen 1,25 Kilo Gefrierfisch pro Person verkauft.

Umdenken und anders handeln: Etwa, indem die Fischindustrie ihrer Arbeit in Zukunft ökologische und soziale Maßstäbe zugrunde lege. Und zwar "nicht nur aus ethischen, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen", betont Herrmann: "Wir wollen unseren Kunden auch noch in vierzig Jahren Fischprodukte anbieten können."

Aus diesen Gründen hat der WWF gemeinsam mit Unilever das Marine Stewardship Council (MSC) entwickelt. Ein Qualitätssiegel, das Kriterien für nachhaltige Fischerei definiert und schon ab 2005 für sämtliche Unilever-Fischprodukte gelten soll - ein laut Milborn "sehr ehrgeiziger Plan" angesichts des zurzeit noch sehr fehlerhaften Monitoring.

Nationale Ohnmachten

Die MSC-Kriterien sollen weltweit gelten, für Wirtschaft, Konsumenten, Regierungen und internationale Institutionen gleichermaßen. Eine umweltpolitische Maßnahme, um den der Globalisierung innewohnenden Gefahren entgegenzusteuern und nachhaltiges Wirtschaften möglich zu machen. Nationale Gesetze allein, so Milborn, könnten angesichts erdumspannender Umweltprobleme nicht viel ausrichten.

Und zwar nicht nur in Sachen Fisch. Als weltweit größte Umweltschutzorganisation wende sich der WWF gezielt an die "jeweils führenden Konzerne" einer Sparte, um Nachhaltigkeitsmaßstäbe zu definieren, erläutert Milborn. In Sachen Holz etwa versuche man durch das Forest Stewartship Council (FSC), die Verschwendung von Ressourcen in den Griff zu bekommen. Eine WWF-Studie habe ergeben, dass "wir heute schon zwei weitere Erdkugeln bräuchten, wenn alle Menschen weltweit so viel verbrauchen würden wie wir hier im Westen". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 11. 2001)

Von Irene Brickner

Hinweis: Am Donnerstag, den 22. November halten WWF, Industriellenvereinigung und das Austrian Business Council for Sustainable Development eine Konferenz über "Fakten und Perspektiven zur Nachhaltigkeit" ab. Im Haus der Industrie, 1010 Wien, Schwarzspanierstraße 4, von 10 bis 14 Uhr.

Info: [TEL] (01) 711 35-23 82 oder auf der Webseite
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