Wo ist Europa? - Von Johannes Steiner

19. November 2001, 18:51
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Stecken wir nun schon in einer Rezession oder noch nicht? "Technisch gesehen" ja, weil Österreichs Wirtschaft - so wie jene der Eurozone insgesamt - durch zwei Jahresquartale hindurch einen Rückgang ihrer Leistung erleben wird. Nach bisherigem Allgemeinverständnis aber eben nicht, weil es weder heuer noch im kommenden Jahr ein Minus bei der Wachstumsrate geben wird.

Tatsächlich ist diese Frage ja auch eine sophistische: Wesentlich ist, dass die Wirtschaft schon seit langem - auch ohne amtlich bekundete Rezession - weit unter jenem Niveau arbeitet, das aufgrund ihrer Ressourcenausstattung und vergangener Investitionsentscheidungen ihrem Wachstumspotenzial entspricht. Dieses wird auf zwei bis 2,5 Prozent geschätzt. Und die Differenz zwischen diesem Potenzial und der bescheidenen Realität drückt sich in unausgelasteten Kapazitäten aus: am schmerzlichsten in rasant steigenden Arbeitslosenzahlen.

Dies hätte die wirtschaftspolitischen Instanzen in Europa lange vor den ersten Alarmrufen wachrütteln müssen. Doch die EU-Kommission veröffentlichte bis in den Sommer hinein völlig unrealistische Prognosen, die Europäische Zentralbank blickte stur auf die Inflationszahlen, und der Rat der EU-Finanzminister mit Österreichs Musterknaben Karl-Heinz Grasser beschränkte sich auf wortreiche Beschwörungen ihrer Konsolidierungsziele. So besteht Konjunkturpolitik in Europa heute eben weiter allein in der Hoffnung, dass Steuerreduktionen, Ausgabenprogramme und Zinssenkungen in den USA ihre Wirkung tun und die amerikanische Lokomotive dann auch Europa aus dem Sumpf zieht. Es wird in Europa wohl eher eine gemeinsame militärische Eingreiftruppe geben als ein koordiniertes wirtschaftspolitisches Instrumentarium. (DER STANDARD, Printausgabe 20.11.2001)

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